New World Order – Des Truthers Fels in der Brandung des Zeitgeist

Dem Festival Kritische Masse im Berliner Club Rekorder, dem ehemaligen Klub des reaktionären Nationalbolschewisten Wladimir Kaminer, laufen die Bands davon. Insbesondere Tapete mußte offenbar feststellen, was es heißt von Wissenden bedrängt zu werden. Deshalb hat er sich in den letzten Tagen nicht nur einmal von den Verschwoerungstheorien, Infokrieger_innen und Co. distanziert. Herr von Grau, der ebenfalls aus der Playlist des Festivals verschwunden ist, war bei seinem Rückzug etwas zurückhaltender.

Tapete muß von den hartnäckigen Infokrieger_innen offenbar heftiger bedrängt worden sein. Eine Konfrontation mit den besorgten und ohne Schubladen auskomnenden Wissenden soll es deshalb doch nicht geben.

Aber das Thema scheint für Tapete trotzdem noch nicht abgeschlossen zu sein. Am 17. August beteiligt er_sie sich an einem offenen Gespräch Zum boomenden Verschwörungswahn im Neuköllner Tristeza. Außerdem dabei sein werden Classless Kulla, Reflexion und Elke Witttich, Blogger_in und Redakteur_in bei der Jungle World.

Unabhängig vom Festival haben sich Mono & Nikitaman von der Trutherbewegung im Allgemeinen und dem Promo-Sampler Kritische Masse – Music from Truthmovement des Radio NWO im Besonderen wiederholt und öffentlich distanziert. Sie steuerten ihren Track Wenn ihr schlaft in ihren Augen einem globalisierungskritischen Sampler bei. Auch zum Festival wurden sie nach eigenen Angaben angefragt, lehnten aber, wie sie mir in einer e-Mail schrieben, glücklicherweise ab. Das sie als Headliner der Truther-Promo unter anderem auf den Seiten Zeitgeist Revolution und bei Radio NWO, die von der (Rand-) Berliner_in Anja Kammer angemeldet wurden, herhalten mußten, wurde auf ihr Betreiben in den vergangenen Tagen sowohl auf dem Sampler als auch den Seiten korrigiert.

Es zeigt sich, daß die Truther_innen mit ihren Glaubensinhalten und Informationen doch nicht so tranparent und offen umgehen, wie sie so oft vorgeben. Gegenüber Bands wird der eigene Hintergrund bewußt verheimlicht und mit konsensfähigen Diskursen verknüpft. Ähnlich, wie Freie Kräfte, Autonome Nationalist_innen, die NPD oder andere nationale Populist_innen verstecken sich die Infokrieger_innen hinter vermeintlich antiimperialistischen und antikapitalistischen Kritiken, die oberflächlich zwischen einem homogenen Volkskolletiv und einem übernationalen (kosmopolitischen) geheimen Kollektiv von Verschwörer_innen unterscheidet.

Auffällig ist dabei, daß die globale Trutherbewegung, die ihr Sendungsbewußtsein bevorzugt über virtuelle Wege aggressiv verbreitet, sich ausgerechnet an territorial nationalstaatlichen Strukturen und Hierarchien festhalten. Dem grenzenlosen Netzwerk im Cyberspace, das sie selbst nutzen, und dem Hyperspeed-Fließenden, das sie immer wieder neu füttern, setzen sie monolitische, imaginierte Bollwerke entgegen. Ihr Fels, auf dem ihre Kirche gebaut ist, bleibt allerdings genauso wenig beweglich, wie jener der römisch-katholischen Kirche. Es finden sich immer wieder dieselben Versatzstücke, wie Zinsknechtschaft, vermeintliche Verschwörer_innen-Eliten, veraltete sowie unbrauchbare ökonomische Analysen und völkische Revolutionen, die jede Frage beantworten und so das eigene geschlossene Weltbild bestätigen.

Das die Imagination der Infokrieger_innen sich auf omnipräsente und omnipotente Netzwerke stützt, die unhinterfragbar und sakrosankt konstruiert werden, stört die Wissenden offenbar wenig. Das sie so apophatisch regressiv offenbar lediglich die eigene fließende Virtualität reflektieren, macht die Truther_innen, Zeitgeistjünger_innen und Infokrieger_innen zu einer Bewegung, die nicht aufklärerisch nach Wahrheit sucht, sondern ganz im Gegenteil archaische Küchenweisheiten und oberflächliche Stammtischverschwörungen zum Dogma erhebt.

Aus dem Schöpfergott, dem heiligen IHM und Weltlenker, wird so ein Schöpfer_innen-Netzwerk, das im geheimen, bewußt und zum eigenen Machterhalt die Schicksalsfäden von Nationalstaaten, Völkern, Ethnien und schließlich der ganzen menschlichen Rasse, wie Eddi Gonzalez bei indymedia schreibt, zu spinnen weiß. Vielleicht sollte gegen diese fundamentalistischen Fanatiker_innen und vermeintlich Wissenden eher mit Methoden der Religionskritik argumentiert werden. Damit bräuchte Mensch sich nicht mit ihren skurilen Glaubensinhalten auseinanderzusetzen. Aber darüber läßt sich vorzüglich bei den folgenden Terminen diskutieren.