Rassismus? Dresden wehrt sich!

Im Juli des vergangenen Jahres wurde Marwa El-Sherbini im Landgericht Dresden mit 18 Messerstichen ermordet. Ihr Ehemann, der sie schützen wollte, wurde allerdings nicht nur vom Messerstecher verletzt, sondern auch von Dresdener Polizist_innen angeschossen. Die hielten ihn für den Angreifer. Der weiße Mann blieb zunächst unbehelligt. Schließlich weiß doch jede_r Dresdener_in, daß Araber_innen ihre Frauen schlagen.

Rassimus in Dresden betrifft nicht nur Nazis, Nationalist_innen und rechtskonservativen Demokrat_innen, sondern ist in allen sozialen Schichten und auch in der städtischen Verwaltungen zu finden. Latenter Alltags- und struktureller Rassimus wird im öffentlichen Raum reproduziert, wie das obere Bild zeigt. Hinzu kommt, daß couragiertes Engagement gegen rassistische Zustände und Nazis in Dresden als Nestbeschmutzung verächtlich gemacht und kriminalisiert wird. Xenophobe Gewalt wird von einer Mehrheit der Dresdener_innen offen verharmlost. Die schweigende Mehrheit begrüßt deshalb offenbar die Attacken gegen die Installationen 18 Stiche des Bündnisse Bürger.Courage, die an die Ermordung von Marwa El-Sherbini an zahlreichen Orten in der Dresdener Innenstadt erinnern sollen.

Bisher konnten 12 Betonstelen aufgestellt werden. Das erste Messer wurde am 1. Juli – ein Jahr nach dem Mord und dem Angriff eines Polizisten auf den Ehemann des Opfers – vor dem Landgericht feierlich eingeweiht. In kürzester Zeit wurden fünf Objekte umgestoßen und die Infotafeln gestohlen. Dresden wehrt sich gegen die antirassistische Intervention. Und die Täter_innen haben durchaus die Symphatie der Dresdener Bürger_innen, Verwaltungsbeamt_innen und Politiker_innen. Deshalb ist es nicht verwunderlich, daß, wie die Sächsische Zeitung berichtet, in Zukunft allerdings keine weiteren antirassistischen Stiche aufgestellt werden sollen.

Auf den Brühlschen Terassen und an der Frauenkirche, den touristischen Anziehungspunkten, werden keine Stelen stehen. Der Anblick könnte wahrscheinlich unangenehme Fragen zu xenophoben und rassistischen Vorurteilen der Dresdener_innen provozieren. Die Stadt- und Landesbehörden verweigern sich ebenfalls. Der Landtag und der Sächsische Staatskanzlei haben eine Aufstellung abgelehnt. Auch die Dresdener Polizeidirektion will keinen antirassistischen Stich.

Trotz der mangelhaften Unterstützung der Dresdener Bürger_innen und der Politik wird das Projekt fortgesetzt. Die fünf umgestoßenen Stelen bleiben als Kommentar der Dresdener Bevölkerung liegen und bieten Platz für Solidaritätsbekundungen.

Die stören die xenophoben und rassistischen Extremist_innen der Mitte allerdings massiv. Im Deutschlandradio (mp3) verharmost eine Dresdner_in offen rassistische Gewalt und rechtfertigt so den Vandalismus.

Woll‘n se’s wirklich wissen? Wiss‘n se, wenn das… Ich mene, schlimm, daß sowas passiert. Daran gibt’s gor keen Zweif‘l. Aber wenn des umgedreht wäre gewesen wäre, das der Ausländer hier e‘n Deutscher umgebracht hätten, da würde sowas garantiert nich‘ steh‘n. Das ist meine Meinung dazu und da steh‘ ich nicht alleine!

Und genau darauf wollte die Kunstinstallation aufmerksam machen. Nämlich darauf, daß rassistische Vorurteile und Xenophobie maßgebliche Elemente der Dresdener Identität und Verklärung als Opfer sind. Ist doch ganz klar, daß Deutsche in Dresden von Ausländer_innen permanent verfolgt, erniedrigt und ermordet werden. Vom Volkstod und Deutschenfeindlichkeit schwaffeln eigentlich nur rechte Kreise. Aber die sind offenbar konsens- und mehrheitsfähig in der Sächsischen Landeshauptstadt.

Ein skuriles Detail und Spiegelbild der xenophoben Dresdener Gesellschaft sind Vorwürfe gegen Bürger.Courage, daß sie selbst die Stelen umgeworfen hätten, um den Ruf der Stadt zu beschmutzen. Offenbar sind die Aktivist_innen gegen Rechts das eigentliche Problem und nicht die NPD, die Freien Kräfte, nationalen Volkstümler_innen und Autonomen Nationalist_innen. Da fällt mir doch glatt ein T-Shirt der Infokrieger_innen Sekte ein, das den sächsischen Bürger_in aus dem Herzen sprechen könnte…