Wo sind all die Ultràs hin . . .

Ultras Jetzt geht es wieder los. Fans, Ultràs, Hooltras und was weiß ich, was es noch so an mehr oder weniger organisierten Fanstrukturen gibt, reisen bundes- und europaweit durch die Gegend. Am sichtbarsten werden allerdings vor allem die männerbündnerischen Gruppen sein. Bei ARD, ZDF, Sky und Sport1 dagegen werden süße Kinder, gestylte Frauen und wandelnde Fanshops gezeigt werden. Ultràs und Konsorten sind eher anti-fotogen und stören das Image vom Fußballvolksfest. Und wie jede neue Saison werden zwei Themen den Diskurs jenseits der kommerziellen Verwertung des Fußball dominieren.

Zum einen werden die Sicherheitsbehörden, die UEFA und die Liga mehr Überwachung von Fans fordern und eine massivere Repression gegenüber den Kurven forcieren. In einem zweiten Diskurs werden sich die organisierten Fanstrukturen zu antirassistischen, antifaschistischen und antisexistischen Initiativen sowie Kampagnen gegen Hompohobie in Stadien positionieren müssen.

Die Rostocker Suptras haben sich hierbei unmißverständlich und antiextremistisch gegen Politik im Stadion ausgesprochen. Sie hatten zwar Pastörs und seinen NPD Anhang aus der Kurve geprügelt, aber hätten mit seiner Anwesenheit im Stadion ansonsten kein grundsätzliches Problem. Ob diese Toleranz gegenüber Nazis etwas mit der gescheiterten realsozialistisch antifaschistischen Konditionierung zum einzig wahren und guten deutschen Volk zu tun hat, bleibt unbekannt. Eine Korrelation zwischen Ostdeutschland und Nazis im Stadion läßt sich aber dennoch nicht von der Hand weisen.

Beim DFB-Pokalspiel von St. Pauli in Chemnitz pöbelten die NS-Boys und ihre Kameraden gegen linke St. Pauli Ultràs und bewarfen sie mit Flaschen, Böllern sowie anderen Gegenständen. Als die Hamburger_innen sich wehren wollten, funkte die Polizei dazwischen. So suchte sich der zusammengetrommelte nationale Pöbel ein anderes Ziel und überfiel noch am Abend des Spiels ein alternatives Hausprojekt. Die Sicherheitsbehörden, die im Stadion noch ganz tatkräftig mit Gas dabei waren, wußten von einem Naziüberfall nix. Wahrscheinlich fielen die Täter_innen in der hübschen, sächsischen Plattenbaustadt nicht besonders auf. Schließlich sind die Chemnitzer FC Fans so unauffällig national und rassistisch, daß sie zwischen all den anderen (sächsischen) Bürger_innen gar nicht auffallen.

Heftiger gehts es noch weiter im Osten ab. Zwar hat der Verein Spartak Moskau sich vor einigen Tagen gegen Rassismus und rassistische Äußerungen im Stadion geäußert, was aber die Fans wenig beeindrucken dürfte. Die werden weiter, zusammen mit ZSKA Moskau, organisierten Nationalist_innen und freien Nazigruppen ihre rassistischen Chöre singen und Migrant_innen attackieren.

Außerdem haben die russischen Nazi-Hooligans zur Zeit eher eine andere Kampagne im Auge. In sämtlichen Kurven Russlands laufen zur Zeit jedes Wochenende Soliaktionen für den Spartak-Hool Jurij Volkov, der Anfang Juli auf offener Straße niedergestochen wurde. Neben Transpis und Tapeten in Erinnerung an Jura wird massiv gegen vermeintlich nicht-russische Kaukasier_innen gehetzt.

Die Übergriffe von Nazihools in Kiew und Pushkin könnten ebenfalls in diesem Zusammenhang stehen. Schließlich haben die Fans von Arsenal Kiew und FC Karelia-Discovery mit antirassistischen und antifschistischen Soli-Choreos die Nazis provoziert. Auch der Blocksturm in Bratislava beim Spiel des VfB Stuttgart gegen Slovan Bratislava hat offenbar einen Nazihintergrund. Der Block der angereisten Stuttgarter_innen wurde gestürmt und einige Fans verletzt. Das Spiel mußte für einige Minuten unterbrochen werden.

Und so wird es wahrscheinlich in den nächsten Wochen weiter gehen. Die Polizei und die Vereine klopfen sich gegenseitig auf die Schulter, daß sie die Gästefans so hübsch kriminalisiert und zusammengeschlagen haben, wie es den Saarbrücker_innen in Leipzig Jena erging. Die Pseudo-Ultràs werden wegen Polizeigewalt rumheulen. Ansonsten werden sich bis auf wenige Ausnahmen die patriotischen Alltagsrassist_innen, -sexist_innen sowie -homophobiker_innen in den Stadien äußerst wohl fühlen und ihre so sehr ersehnten apolitische Prollhöhlen erhalten – mit Männlichkeitsfanatiker_innen in den Kurven und Nazis auf den Tribünen.

Bloß gut, daß es die unteren Ligen gibt. Da ist zwar die Macker_innendichte etwas höher, aber es gibt auch einige nettere Kurven. Zum Beispiel bei Tennis Borussia und der TeBe Party Army aus Berlin kann sich der queere und antinationale Fußballfan_in äußerst wohl fühlen. Bei den Babelsberger_innen und ihren Fans muß mensch allerdings etwas nachsichtiger sein. Das gesangliche Repertoire bietet mit Versionen von Katjuscha und Bandiera Rossa zwar schöne, kommunistische Folklore, aber das Mackergehabe der Filmstadtinferno-Capos und ihre Schimpftiraden nerven mächtig.

Die italienische Liga könnte ebenfalls interessant werden. Ein Abstecher zum AC Milan lohnt sich wieder. Mit Prince Boateng wechselte ein_e talentierte_r Ex-Berliner_in zu den Rossoneri. Chievo spielt weiter im italienischen Fußballoberhaus und hat sich mit einigen Ex-Livornesi verstärkt. Die Serie B lockt mit dem AS Livorno, der offenbar beim Auftakt Spiel mächtig verkackt hat. Dieser Auftritt am vergangenen Sonntag wird die Fans nicht versöhnen. In Bergamo sieht es übrigens ähnlich aus. Bleibt zu hoffen, daß sich die Livornesi und die Atalanta Antifas nicht ein Beispiel an den AEK Ultràs nehmen und ihren Trainer_innen nachdrücklich ihre Meinung sagen.

Den italienischen Fußball live zu sehen, wird mindestens zu Auswärtsspielen übrigens um einiges komplizierter. Die Tessera del Tifoso sorgt für massive Repression gegen organisierte Fanstrukturen und Protest bei den Fans. Nicht wenige kündigten an auf Auswärtsfahrten gänzlich zu verzichten. Mit der Kennzeichnungspflicht für Fans wurde in Italien zu dieser Saison eingeführt, was sich deutsche Sicherheitsbehörden, die Liga und mancher Verein seit langem wünschen – die totale Überwachung der Fans und die Transformation der Stadionbesucher_innen zu konformistischen Konsument_innen.

Damit ist die Lebensform Ultrà, die Mr. Altravita in mehreren Artikeln wieder auferstehen ließ, wohl nun endgültig tot. Kommerzialisierung, Kriminalisierung und die Entwicklung zu mafiösen Strukturen bei den großen Ultrà Gruppen beenden die antikonformistische, strikt antibürgerliche und militante Praxis. Aber das Leben geht weiter. Der Ball ist rund und das Runde muß ins Eckige . . .