Überfremdungsangst, Entartung und Rassismus – Ist doch alles nur Satire!

Sarrazin ist zur Zeit auf allen Kanälen. Er wird beschimpft und hofiert. Seine Theorien und Ideen werden insbesondere in Talkshows allerdings nicht selten verharmlosend rezipiert. Völlig zu kurz kommt oft, daß Sarrazin bewußt völkische Ressentiments, xenophobe Überfremdungsängste und rassistische Superioritätsvorstellungen bedient. Das aktuelle Buch zur Migration wird vor allem inhaltlich statistisch bearbeitet. Die ideologisch völkische, psychologische sowie die rassistische Komponente bleibt allerdings außen vor.

Bei Beckmann wird der stammelnde Sarrazin mit Vulgärpädagogik eines Moderators unterstützt, der Sprachkompetenzen selbstverständlich umfaßend messen und bewerten kann. Der Sarrazin’sche Rassismus, Antisemitismus und völkischen Nationalismus interessiert Beckmann wenig. Genauso, wie die anderen Gäste.

Sarrazin beginnt sein Gestammel zur Promo seines Buches mehr als widerlich. Er wiederholt seine These vom jüdischen Gen und glaubt ernsthaft, daß er falsch zitiert wurde. Außerdem beruft er sich zur Verdeutlichung, daß er nicht allein ist mit der These Volksgruppen oder auch Stämme hätten einen spezifischen Genpool. Also, was nu‘, gibt es genetisch ethnische Prädestination oder nicht.

Es gibt Gene die Volksgruppen voneinander… anhand von denen man, man, man… also Volksgruppen voneinander unterscheiden kann. Und das gilt für ganz viele Volksgruppen. Also nicht nur für die Juden. Und wenn sie das, worauf ich mich bezog sich anschauen, im Tagesspiegel ein Artikel Abrahams Gen, dann steht dort, daß man die heutigen Juden, die heutigen, der jüdischen Volksstämme ethnische… Das man dort die genetische Gemeinsamkeit bis auf 3.000 Jahre zurückverfolgen kann.

Nach diesem rassistischen Dreck, der nachträglich die nationalsozialistische Rassenlehre zitiert, wurde über den biologistischen Ansatz bei Beckmann nicht mehr geredet. Es ging vielmehr um Migration, Integration, Sprachkompetenz und Patriotismus.

Am spannendesten waren noch die Gäste, die nicht mit am Tisch saßen. Zum einen hat die Politikwissenschaftlerin und Soziologin Dr. Naika Foroutan, eine Muslima, die überhaupt nicht den von Sarrazin verfestigten Klischees und Voruteilen entspricht, sowohl die statistischen Ergebnisse des stammelnden Vulgärsoziologen auseinandergenommen, als auch die latente Xenophobie in der deutschen Mehrheitsgesellschaft dekonstruiert. Nur ihr patrotisches Statement zu ihrem Deutschland sehe ich kritisch, wobei auch diese emotionale Demaskierung von Sarrazin brilliant war. Ihr Plädoyer kann ab ca. Minute 40 nachgesehen werden.

Ein zweiter Lichtblick war erstaunlicherweise der RTL Streetworker Thomas Sonnenburg, der nicht nur eine menschliche Perspektive auf Migration und Integration einführte, sondern Sarrazin dazu aufforderte den Schotter, den er mit dem Buch verdienen würde, an soziale Projekte mit Migrant_innen zu spenden und so den Graben, den er gerade aufgerissen hat, wieder zu füllen.

Die inhatliche Auseinandersetzung mit Sarrazin setzte sich gestern abend in der ARD fort und wieder stotterte sich Sarrazin einen ab. Seine Inhalte konnte er nicht ansatzweise erläutern. Seine Methode hat er eher dekonstruiert und ad absurdum geführt, schließlich hat er sich alles selbst zusammengerechnet, sowie seine apokalyptische Überfremdungsangst zur Satire erklärt. Außerdem versteifte er sich gemeinsam mit seinem neuen, rechtskonservativen Kumpel Arnulf Baring zu der These, daß die Kritiker_innen von Sarrazins Buch es entweder gar nicht gelesen oder nicht verstanden hätten. Konjunktivistisch warf er dementsprechend nicht nur der WDR Moderatorin Asli Sevindim sondern auch Michel Friedman, der mal wieder zu seiner alten Form auflief, Dummheit vor. Plasberg griff nicht ein, sondern ließ diese fremdenfeindliche Beleidigung des teutonischen Gockels unkommentiert stehen.

Dieses Verhalten offen rassistische und völkische Diskurse nicht als solche zu entlarven, sondern sie zu Biologismus zu verharmlosen, dominiert die Auseinandersetzung mit Sarrazins Methoden und Schlußfolgerungen. Die Rezeption konzentriert sich auf vermeintlich reale Probleme, die allerdings nicht als soziale sondern ethnisch kulturelle wahgenommen und diskutiert werden. Sarrazins positiver Bezug auf die nationalsozialistische Rassenlehre, seine sozialdarwinistische Grundlage und die Ideologie der ökonomischen Nützlichkeit des Menschenmaterials wird nicht, oder nur selten, thematisiert.

Das in Leserbriefen, wie Sarrazin behauptet, und Gesprächen jenseits der Mandatsträger_innen und Medienvertreter seine Ideen durchaus auf einen fruchtbaren völkischen Boden der Bluts-Deutschen treffen, ist nicht verwunderlich. Schließlich unterstützt endlich ein angesehener Banker ihren Stammtischrassismus und -antisemitismus. Endlich darf der Pöbel grunzen: und sie sind doch anders, bestätigen Sarrazin und die Gene.

Was auffällt ist nicht nur die Idee der Fortpflanzung der Klugen durch Zuchtwahl, die schon Platon in seiner Staatsphilosophie vorschwebte, sondern auch die Herabwürdigung der Unterklasse und bestimmter Migrant_innen. Sarrazin verweist so, wie selbst die FAZ feststellt, auf Euthanasie und Geburtenkontrolle vermeintlich entarteter Gesellschaftschichten. Diese sind bei Sarrazin kulturell geprägt und arm. Damit geht es nicht nur um die sozialdarwinistische Übertragung der Formel vom survival of the fittest, sondern auch um die positive Reproduktion der neurechten, ethnopluralistischen Konstruktion, daß jedes Volk seine Kultur im vermeintlich angestammten Siedlungsraum leben soll.

In den nächsten Wochen ist Sarrazin übrigens unterwegs in Deutschland. Nachdem sein Autritte im Haus der Kulturen der Welt und in Hildesheim abgesagt wurden, sollte er zunächst in Potsdam zu Gast sein. Auf der Seite seines Verlages DVA ist immer noch das Waschhaus / Kunstraum als Veranstaltungsort angegeben. Wie jetzt aber zu lesen ist, distanzieren sich die Betreiber_innen von den Inhalten und Äußerungen von Sarrazin.

Nach langen und zum Teil hitzigen – durch die Medienpräsenz noch geschärften – Diskussionen über das Für und Wider, über die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit seinem Buch und die Frage, ob man diesen Thesen eine Bühne bietet, über Sicherheitsaspekte und die politische Aufgabe unseres Hauses, hat sich die Waschhausgeschäftsführung unter Beteiligung des Waschhaus-Teams entschieden, dass die Veranstaltung mit Thilo Sarrazin nicht im Kunstraum oder anderen Räumen des Waschhaus Potsdam stattfinden wird. Wir sind der Ansicht, dass einige der uns bekannten Zitate und Äußerungen in den Medien nicht mit den Wertevorstellungen unserer Gesellschaft übereinstimmen und deshalb ein sachlicher Diskurs stattfinden muss, sehen aber die Räume des Waschhauses als den nicht dafür geeigneten Rahmen.

Damit ist dies nun schon die dritte Veranstaltung, die abgesagt wurde. Diesmal gab es nicht einmal eine Ankündigung einer Protestkundgebung oder ähnlicher zivilgesellschaftlicher Intervention. Wer weiß, wieviele Absagen noch folgen werden. Vielleicht wird er seinen Bestseler nirgendwo mehr öffentlich vorstellen dürfen. Außer vielleicht im thüringischen Bad Landsalza, im NPD Bürohaus.

Der stammelnde und stotternde Sarrazin scheint wohl vor allem als öffentliche Person untragbar zu sein. Die Bundesbank wird der Isolation des strammen Sarazennen folgen und ihn ebenfalls rausschmeißen. An der xenophoben Grundstimmung, rassitischen Klischees sowie völkischen Reinheitszwängen der Mehrheitsgesellschaft wird dies allerdings wenig ändern.