„Gott pisst euch voll!“

Gestern wollten christliche Fundamentalist_innen, rechtskonservative Christdemokrat_innen, christlich-nationalistische Politsekten und andere sogenannte Lebensschützer_innen trauernd durch Berlin marschieren. Gegen diese Veranstaltung formierte sich ein breites Bündnis feministischer, antifaschistischer und antisexistischer Gruppen und konnte sowohl die Kundgebung als auch den Marsch empfindlich stören.

Bei der Kundgebung des Bundesverband Lebensrecht waren circa 400-500 Menschen. Davon waren mindestens ein Drittel, wenn nicht sogar die Hälfte, nicht einverstanden mit den Konstruktionen zur imaginierten millionfachen Kindstötung – von vielen anderen Menschen Schwangerschaftsabbruch genannt. Behauptet wurde, daß in Deutschland 40 Millionen Kinder getötet wurden. Und der Massenmord an Kindern soll immer weitergehen und sogar eine ganze Industrie würde sich daran bereichern.

Als ob diese Konstruktionen nicht schon ekelhaft und unerträglich genug wären, versuchten sich die christlichen, rechtsoffenen Fundamentalist_innen in politischer Satire. Immer wieder gingen sie auf die lautstarken Kritiker_innen ein und bedankten sich für ihr Erscheinen. Der Fundi-Animator Martin Lohmann hatte sich einige Floskeln zurecht gelegt, die dennoch die Kritiker_innen einfach nicht dazu brachten ihm zuzuhören oder sogar reumütig Heim ins Reich, äh in den fruchtbaren Schoß der Kirche zurück zu kommen.

Die von weit her angereisten Christ_innen hatten massive Probleme den Ausführungen der Lebensschützer_innen auf der Bühne zu folgen. Wer weiter hinten stand, hatte gar keine Chance. Die Kundgebung war für die Lebensmarschierer_innen ein kompletter Reinfall. Da ging fast die Forderung nach der Bestattungspflicht für abgetriebene Kinder, gemeint sind nichtüberlebensfähige Zellhaufen, auf öffentlichen Friedhöfen. Damit Frauen und Familien bewußt wird, daß sie Kinder töten, die schon sofort nach der Empfängnis offenbar Namen haben, ohne daß das Geschlecht / Gender bekannt wäre.

Als der Marsch los lief, war er zunächst sehr klein. Es waren etwa 200 ältere Herrschaften und christliche Großfamilien, die sich ein Kreuz schnappten und trauern wollten. Neben den christlichen Fundamentalist_innen, rechtskonservativen Christdemokrat_innen vom Arbeitskreis Engagierter Katholik_innen (AEK) und dem neurechten Bündnis Linkstrend stoppen, der Jungen Union sowie christlich-nationalistischer Politisekten, wie der Partei für Arbeit Umwelt Familie und der Partei Bibeltreuer Christen, hatten sich auch mindestens zwei bekannte Autonome Nationalist_innen mit Kreuzen bewaffnet in den Marsch eingereiht. Leider gab es aber auch auf Seiten der Kritiker_innen mindestens zwei militante Nationalist_innen. Zwei türkische Bozkurtlar protestierten ebenfalls lautstark gegen die christlichen Fundamentalist_innen und zeigten mehrfach, vorsichtig und zaghaft den sogenannten Wolfsgruß.

Der Marsch wuchs, auf der Karl-Liebknecht-Straße immer noch vor der ersten Brücke auf circa 600-700 Menschen an. Auf Seiten der Gegendemonstrant_innen blieb die Zahl konstant bei ungefähr 300-400. Bei den Kundgebungen waren es deutlich mehr. Außerdem hatte die Polizei die Brücken gesperrt und sorgte so für eine Zerstreuung der Kritiker_innen an den fundamentalistischen Kulturkämpfer_innen.

Besonders lächerlich ist aber, daß der Bundesverband Lebensrecht in einer Presseerklärung von rund 2000 Lebensschützer aus ganz Deutschland schreibt. Es waren nicht einmal insgesamt so viele Menschen, rund um den Lebensmarsch auf der Straße. Und mindestens die Hälfte davon waren Gegner_innen der Positionen der weltweiten Pro-Life-Bewegung. Die zahlreichen Kreuze, die in der Spree landeten, waren ein deutliches Zeichen dafür, daß Lebensschutz mit emanzipatorischen Engagement zu tun hat und nicht mit Kreuzen!

Die Polizei hielt sich zunächst weitgehend zurück. Die Christ_innen liefen in einem Wanderkäfig umzingelt von lautstarkem und kreativem Protest. Gewalt gab es weder von Seiten der Christ_innen, die allerdings beim Rumlaufen ordentlich gerempelt haben, wohl auch wegen ihres erhöhten Alters, noch von den Gegendemonstrant_innen. Später wurde die Berliner Polizei ihrem Ruf aber gerecht und nahm mindestens sieben Menschen fest.

Ein weiterer Erfolg der Fundis war, daß sie sehr viel mehr Grußbotschaften bekamen als im vergangenen Jahr. Das hatte sich zwar nicht auf die Teilnehmer_innen-Zahl ausgewirkt, beweist aber nachdrücklich, daß insbesondere die Union nach rechts schielt und bei rechtskonservativen Traditionalist_innen und christlichen Fundamentalist_innen Wählerstimmen rekrutieren will. Es grüßten nicht nur die katholischen Bischöfe Joachim Kardinal Meisner und der Berliner Kardinal Sterzinsky, sondern auch der Vorsitzende der Bischofskonferenz und Erzbischof von Freiburg Robert Zollitsch. Außerdem kamen Grußbotschaften von scheinbar sämtlichen Arbeitskreisen und Kleinstorganisationen in der Union. Für die CDU/CSU-Fraktion im Bundestag grüßte Volker Kauder. Auch der Kriegsminister Karl-Theodor Frhr. zu Guttenberg bedankte sich für das Engagement der Christ_innen, die seiner Armee ordentlich Kanonenfutter gebären.

Also, der Protest war ein voller Erfolg. Der Marsch der christlichen Fundamentalist_innen, rechtskonservativen Christdemokrat_innen, christlich-nationalistischen Politsekten und anderen sogenannten Lebensschützer_innen wurde massiv und empfindlich gestört. Die Zahl der Teilnehmer_innen am Marsch stagniert. Der Protest wurde aber umfaßender und frecher. Das Thema scheint in der emnazipatorischen und antagonistischen Berliner Szene angekommen zu sein. Hoffen wir, daß es so bleibt!

Fotos von pm_cheung