„Dort, unter Deutschen, hat er keinerlei Verfolgung mehr erlebt.“

In der letzten Ausgabe der Jungle World wurde die Autobiographie von Arye Sharuz Shalicar besprochen. Der jüdische Iraner, der in Berlin aufgewachsen ist, nach der Schule nach Israel ging und heute Sprecher der israelischen Armee ist, erzählt darin seine Leidensgeschichte in Deutschland im Allgemeinen und im migrantisch arabisch dominierten Wedding im Besonderen. Im Zentrum des Buches steht die antisemitische Erfahrung als junger Mann, die Shalicar in seinem arabischen Freundeskreis erfährt, als diese bemerken, daß er nicht nur Iraner ist, sondern auch Jude. Der Antisemitismus der weißen Deutschen kommt kaum vor. Die Mehrheitsgesellschaft im Umkreis von Shalicar ist eine migrantische und arabisch.

Die Beschreibung des alltäglichen, irrationalen Haßes auf alles Jüdische, die Stigmatisierung des jungen Shalicar zum ultimativen Opfer und die Ausgrenzung aus den gewachsenen freundschaftlichen Beziehungen ist nur schwer erträglich. Sie zu leugnen, bringt wenig. Die Rettung aus der antisemitischen Berliner Hölle ist bei Shalicar seine Auseinandersetzung mit dem ihm zugewiesenen Judentum. Seine Familie wird zu den letzten verbliebenen Leidensgenossen. Die Auswanderung nach Israel ist deshalb nur konsequent. Die Hinwendung zum Militär und zur aggressiven Verteidigung des jüdischen Staates als Gesicht der IDF sind ebenfalls nachvollziehbar.

Shalicar wurde zum Juden gemacht. Wie viele vor ihm wurde ihm sein Judentum aufgezwungen und er reagiert dementsprechend. Leider findet er aber nicht den kritischen und emanzipatorischen Weg zum Notzionismus.

Ein solcher Notzionismus, d.h. eine Parteinahme für Israel aufgrund von Antisemitismus und insbesondere Auschwitz, schließt die Traurigkeit und Verbitterung darüber ein, in einer Welt leben zu müssen, in der Israel notwendig ist. Dieser Unterschied zwischen Notzionismus und einem Zionismus, der den Staat Israel verklärt, kennzeichnet den Unterschied zwischen einer Parteinahme für Israel, die in einer utopischen universalistischen Tradition steht, und einer Parteinahme für Israel, die aus dem tragischen Umstand, dass der Staat Israel notwendig geworden ist, eine Tugend macht.

Eine Parteinahme für Israel, die aus Israel eine Tugend macht, ist im Grunde zynisch. Sie verklärt die Zusammenpferchung der Juden in einer Wüstengegend zu etwas Positivem, sie verklärt die unumgängliche Reaktion auf die Vernichtung des europäischen Judentums zu etwas Schönem. Gegen einen solchen zynischen Nationalismus muss der Notzionismus stark gemacht werden – überall, auch in Israel. Gerade in Israel muss das Bewusstsein, dass Israel eine Reaktion auf den Antisemitismus und kein positiver jüdischer Lebensentwurf ist, wach gehalten werden – beispielsweise gegen einen Nationalismus, der 1967 per Manifest verbreitet wurde. Damals erklärte eine sogenannte „Bewegung für das ganze Land Israel“, dass Israel und seine Gebietsgewinne legitim seien, weil das Land „das eingewurzelte und unveräußerliche Recht unseres Volkes seit Anbeginn seiner Geschichte verkörpert“.

Diesen religiösen und völkischen Quark unterschrieben damals auch zahlreiche israelische Persönlichkeiten. Ein solcher Zionismus ist falsch – zum einen, weil er ein Vergessen um die besondere Bedeutung Israels einschließt, zum anderen, weil er in keiner universalistischen Tradition steht und sich wie so viele nationalistische Ideologien an irgendwelchen Böden, Wurzeln und Vorvätern ergötzt.

Shalicars Konstruktion einer jüdischen Identität ist meiner Ansicht nach eher zynisch und stellt die Parteinahme für Israel ins Zentrum ohne zu reflektieren, daß er die eine nationalistische Imagination, die ihn ausgrenzte durch eine andere ausgetauscht hat. Erkennbar ist dies vor allem daran, daß in der Autobiographie der latenten Antisemitismus der deutschen Mehrheitsgesellschaft, egal ob migrantisch oder weiß, nur in einer Spielart vorkommt. Die Andere Seite, die weiße, wird ausgeblendet oder verharmlost. Chaim Noll, der Autor der Jungle World Rezension, schreibt, daß Shalicar unter Deutschen keinerlei Verfolgung mehr erlebt hat. An dieser Stelle ist der zynische Zionismus erkennbar, der nicht Antisemitismus im Allgemeinen bekämpfen will, sondern (aus der eigenen Erfahrung) behauptet es existiere lediglich ein arabischer, eliminatorischer Antisemitismus.

Die Verdrängung des weißen, deutschen Antisemitismus ist zwar nachvollziehbar, kommt aber in der Verkürzung in der Rezension und der Autobiographie von Shalicar beinah schon rassistisch daher. Kongruent zum sogenannten Homonationalismus wird die westlich demokratische Gesellschaft weißer Menschen als theoretisch und praktisch immun gegen antisemitische Stereotype und Ausgrenzung beschrieben. Die sogenannten alten Demokratien haben ihre Lektion gelernt und der Verfolgung abgeschworen. Selbst Wulff behauptet, daß das Judentum als christlich-jüdischen Wurzeln Teil von Deutschland sind. Vor einigen Jahrzehnten war dies nicht so und auch heute noch gibt es Alltagsantisemismus, den Shalicar und die Jungle World offenbar ausblenden.

Dies ist auch deshalb zynisch, weil Übergriffe, Beschimpfungen und andere antisemitischen Ausgrenzungen Alltag für (sichtbar) jüdische Menschen in Deutschland sind. Besonders Eindrucksvoll zeigt diese Facette jüdischen Lebens in Berlin der polylux Beitrag vom 18. Januar. Beschrieben werden Erfahrungen von Schüler_innen von der Jüdischen Oberschule in Berlin. Die Schule wird offenbar immer mehr zu einem Refugium jenseits antisemitischer Anfeindungen und Übergriffe. Auch gegen migrantisch antisemitischen Haß.

Also, es muß noch einmal betont werden, es stimmt keinesfalls, daß unter Deutschen kein Antisemitismus existiert. Ein Betätigungsfeld ist neben den Alltagsbeschimpfungen der Fußball. Vor einigen Wochen wurden der Verein und die Fans von Tennis Borussia von Union Ultràs antisemitisch, homophob und sexistisch beschimpft sowie überfallen. Dies war nicht der erste Angriff auf die Veilchen durch die Eisernen Kameraden. Schon 2008 gab Auseinandersetzungen während eines Hallesturniers. Noch schlimmer trifft es aber immer wieder jüdische oder linke Vereine, wie die Fußballmannschaft des Berliner Sportclub TuS Makkabi und den Mannschaften, die sich unter dem Banner des Roten Stern sammeln.

Aber auch an Universitäten, wie in Göttingen, Berlin und Greifswald, gedeiht Antisemitismus vorzüglich. Teile des wissenschaftlichen Gremium zum Deutschlandhaus, der Stiftung Flucht Vertreibung Versöhnung reproduziert nicht nur revanchistischen Müll, sondern glauben immer noch ernsthaft, daß jüdische Bürger_innen offenbar doch keine echten Deutschen sind und von irgendwo anders her kommen müßten.

Der römisch-katholische Klerus, auch in Deutschland, hat ebenfalls wenig Probleme mit antisemitischen Positionen. Den Schwätzer Richard Williamson trauen sie doch nicht so recht, aber mit anderen antijüdischen Positionen können sie sich durchaus arangieren.

Es ist weiterhin wichtig sich unmißverständlich gegen Antisemitismus auszusprechen. Dazu gehört auch die Thematisierung antisemitischer Ausgrenzungskonstruktionen bei Migrant*innen. Nur sollte dabei nicht vergessen werden, wer das europäische Judentum ausrotten wollte. Antisenistische Stereotype sind immer noch in weiten Teilen der bürgerlichen Gesellschaft, vor allem auch im Westen fundamentaler Bestandteil der eigenen nationalen Identität, in der das Jüdische als das grundsätzlich Unintegrierbare und Fremde imaginiert wird. Antizionismus und Antiamerikainismus sind moderne Spielarten des christlichen Antijudaismus und des bürgerlichen Antisemitismus. Ein Notzionismus ist dringender denn je!