Fankultur verteidigen!? Gemeinsam demonstrieren?

Morgen werden in Berlin verschiedene Fan- und Ultràgruppen gegen Repression und Kommerzialisierung des Fußball und für den Erhalt einer bunten, heterogenen sowie vielseitigen Fankultur auf die Straße gehen. Die Demonstration soll der Auftakt einer Kampagne Zum Erhalt der Fankultur sein. Neben der Liste der Unterstützer_innen, die sich zumeist aus Ultràgruppen jeglicher Couleur und Ausrichtung zusammen setzt, wächst auch die Zahl der Kritiker_innen.

Die vorgestern veröffentlichte Presseerklärung betont zwar, daß die Demonstrant_innen zeigen werden, wie bunt kreativ und vielseitig faszinierend Fankultur ist, dennoch bleiben einige Zweifel. Neben den drei großen Fanbündnissen ProFans, der antifaschistischen Initiative B.A.F.F. und dem nationalistischen Bündnis Unsere Kurve tragen vor allem Ultrà Gruppen die Mobilisierung sowie den Diskurs zur Demo. Selbst in der Ablehnung der Teilnahme an der Demo, zum Beispiel durch die Ultràs Mönchengladbach, den Ultràs von Rot-Weiß Ahlen der Tribuna Unida und den Jungen Borussen des BVB, wird ein wahres Ultràtum imaginiert sowie fehlende Werte und Ideale, vor allem aber Heuchelei, Doppelmoral und fehlende Selbstreflexion bemängelt.

Explizit linke oder emanzipatorische Fangruppen und Bündnisse halten sich auffallend zurück. Sie kommentieren die Demo zum Teil nicht einmal. Das antifaschistische Alerta! Netzwerk, dessen Homepage zur Zeit nicht erreichbar ist und deshalb unklar ist, ob es überhaupt noch aktiv ist, beteiligt sich offenbar nicht am Protest in Berlin. Lediglich die Schickeria aus München und die Horda Azzuro aus Jena sind dabei. Die Ultràs St. Pauli, die Curva Nord aus Babelsberg, Azzuro Düsseldorf und die Ultràs Darmstadt scheinen sich nicht zu beteiligen. Die Fans von TeBe gehen noch einen Schritt weiter und veranstalten eine Diskussion zum Thema Fankultur und den Differenzen zwischen den Spektren.

Positives Feedback zu der Veranstaltung von TeBe gibt es beim Blog Fußball von links, der sich schon vor einigen Wochen kritisch zur Demo geäußert hat. Etwas kritischer, insbesondere aufgrund der schwammigen, undifferenzierten Verkürzung von Fankultur auf Ultrà, übt die Brigata Amaranto. Auffällig ist schon, daß der zugegebenermaßen schwammige Begriff Fankultur auf die Ultràs hereinfällt und beides gleichzusetzen scheint. Repression, Vorverurteilung und Überwachung von Fußballfans im Allgemeinen werden so uninteressant. Aber wer weiß . . .

Trotz der Kritik, den merkwürdigen Verhaltensregeln, dem straff organisiertem Ablaufplan sowie dem vorauseilendem Gehorsam der Organisator_innen gegenüber den Sicherheitskräften, werden wohl doch einige Tausend nach Berlin kommen. Ein gemeinsamer Konsens, was Fankultur bedeutet, wird sich allerdings nicht finden lassen. Da helfen auch die Ultràs Roter Stern aus Berlin und die anderen emanzipatorischen Fangruppen nicht. Die Organisationsleitung und die Unterstützer_innen scheinen eher einiges zu verdrängen. Darüber täuscht auch nicht die kurze Passage zur selbstkritischen Reflexion der eigenen Handlungsweisen nicht hinweg, die auch auf die Fehler und Versäumnisse unsererseits reagieren will.