Deutsch muss sterben

Slime hat eben noch immer Recht. Ihr Titel Deutschland muss sterben bezieht sich zwar auf ein Nazi-Denkmal in Hamburg. Aber die Forderung des Songs ist auch heute notwendig. In Zeiten, in denen Deutschland meint, seine Vergangenheit bewältigt zu haben und etwa das Deutsche Historische Museum dafür kritisiert wird, dass es den NS als gesamtgesellschaftliches Phänomen der Deutschen in seiner neuen Ausstellung Hitler und die Deutschen. Volksgemeinschaft und Gewalt darstellt und damit eben nicht Hitler als den Verführer und alleinigen Schuldigen an der Ermorderung von 6 Millionen Jüd_innen. Anlass für diesen Artikel ist aber nicht ein erneuter rassistischer Übergriff, Brandanschlag oder eine Nazi-Demo, sondern ein Artikel in der sonst so antideutschen Wochenzeitung Jungle World, nämlich der Kommentar Der Campus im Ghetto von Birgit Schmidt. Dabei möchte ich mich in die Reaktionen und Kommentare bei Facebook und Twitter einreihen und etwas näher auf den Inhalt des Jungle World-Beitrags eingehen. Denn der im Duktus einer Kristina Köhler daherkommende Kommentar ist mir einfach zu deutsch.

Schon beim Titel und dem darin verwendeten Begriff Ghetto in Bezug auf die Integrationsdebatte wird mir ganz übel. Denn wie relativ bekannt ist, bezeichnet ein Ghetto im 16. Jahrhundert wie im NS das Einsperren jüdischer Menschen in einen bestimmten Stadtteil – dem gettore. Darin wurden Jüd_innen isoliert, stigmatisiert und in ihren sozialen Beziehungen kontrolliert. Den Begriff des Ghettos nun unreflektiert auf das multikulturelle – und nicht etwa rein türkische – Neukölln anzuwenden, ist schlicht falsch und eine Verharmlosung der Verbrechen an den Jüd_innen, vor allem in Dritten Reich. Dass solch ein sprachlicher Ausfall ausgerechnet im Antideutschen Wochenblatt auftaucht, ist nicht nachvollziehbar und unentschuldbar.

Wie die Nutzung des Begriffes von der Autorin hergeleitet wird, ist dann aber wirklich ekelhaft. Schmidt zitiert den reaktionären Tagesspiegel, der über ein von türkischen Jugendlichen mystifiziertes Ghetto fabuliert, dass die Migrant_innen angeblich positiv für sich in Anspruch nehmen würden. Die Springerpresse darf ebenfalls mit Ghettoisierung zu Wort kommen – und all das völlig unkommentiert und zusammenhangslos zum Rest des Textes – Kommentar will ich ihn fortan nicht mehr nennen. Denn die Autorin hat dieses journalistische Genre meilenweit verfehlt. Indem Schmidt also die beiden angesprochenen Zitate für ihre Argumentation und den Begriff des Ghettos in ihre Überschrift steckt, macht SIE Neukölln zum Ghetto. Fehlt nur noch die Mauer drum herum, könnte die daraus resultierende Schlussfolgerung lauten.

Dass die Überschrift passend gewählt sei, versucht die Autorin an weiteren Textstellen darzulegen. Nichtmigrantische Schüler_innen würden schließlich drangsaliert und beschimpft. Wer dies behauptet, wird angedeutet. Nämlich eine FAZ-Autorin, die immer wieder Zuspruch für ihre Artikel von PI und anderen sektenähnlichen, rechtspopulistischen und rassistischen Zusammenhängen erfährt.

Der Schuldige ist da auch schnell gefunden: Der Islam! Was sonst? So wird aus patriarchialem Machogehabe sowie Frauenfeindlichkeit eine muslimische Männerkultur phantasiert. Die bürgerlich deutsche Mehrheitsgesellschaft, die nicht weniger patriachal und sexistisch ist, bleibt außen vor. Und wenn mensch schon dabei ist, wird auch einfach ein Rassismus gegen die Jugendlichen ohne Migrationshintergrund – also die Deutschen – die Minderheit in Neukölln, konstruiert. Dieser Umgang mit der Bedeutung des Wortes Rassismus verschlägt mir fast die Sprache. Aber nur fast. Denn Birgit Schmidt schafft es, dem noch eins draufzusetzen.

Im letzten Absatz ihres Beitrags vermengt sie ihre Ausländer- und Religionsfeindlichkeit mit der Diskussion um Gentrifizierung im Bezirk Neukölln. Andrej Holm und andere Expert_innen beobachten diese Erscheinung bereits seit Jahren und stellen fest, dass die Gentrifizierung von Neukölln noch in den Kinderschuhen steckt. Schmidt dagegen meint Kinderschuhe erst dann zu erkennen, wenn in ihnen kleine, reiche, weiße Deutsche und Westeuropäer_innen stecken, die von ihren Eltern aus Neukölln weggeschleppt werden, sobald sie auf Neuköllner Straßen herumlaufen können.

Denn diese Kinder könnten ja nicht einmal mehr anständiges Deutsch lernen, in diesem Ghetto. Den Diskurs um Kanak-Sprak bzw. Kiezdeutsch hat Schmidt also auch nicht mitbekommen, was sie selbstverständlich nicht daran hindert, diese Entwicklung der deutschen Sprache ebenso auf den Neuköllner Moloch zu schieben und in ihre Generalabrechnung mit dem Bezirk einzubauen.

Einer erfolgreichen Frau mit türkischem Familienhintergrund dann auch noch implizit vorzuwerfen, mit ihren Kindern ins schicke Berlin-Mitte zu ziehen, bedient mehr als Ressentiments. Ist Schmidt also am Ende einfach mit sich selbst unzufrieden, weil sie das furchtbare Neukölln noch nicht verlassen konnte?

So eine Spekulation ist sicher anmaßend, weshalb ich sie nicht weiter verfolgen möchte. Letztlich sind mir die persönlichen Beweggründe von Frau Schmidt auch egal. Nicht egal ist mir allerdings, dass der Beitrag Der Campus im Ghetto in der Jungle World erscheinen konnte, womit er sicherlich nicht die Meinung der Redaktion widerspiegelt, aber zumindest irgendeinen Geschmack des Zeitungskollektivs getroffen haben muss. Wenn ich bedenke, dass viele der Redakteure selbst in Neukölln leben, scheint mir dies noch absurder.

Dies war übrigens ein Kommentar – ein Text, der eine klare Meinung äußert und diese begründet. Und nicht wie Birgit Schmidt vor sich hinwabert und Zitate reaktionärer Blätter aneinanderreiht, um völlig unterschiedliche Diskurse miteinander zu vermengen, ohne sie überhaupt beim Namen zu nennen (Gentrifizierung, Islamophobie, Rassismus, Bildungsdebatte)!