Wladimir Kaminer – ein russischer Nationalist in Berlin

Den Vorzeigerussen Wladimir Kaminer mag jeder Deutsche. Er ist witzig. Hat nix gegen Homophobie. Erzählt verrückte Sachen. Hinzu kommt, daß er so einen witzigen Akzent hat. Und wer noch ein besonderes I-Tüpfelchen braucht, der kramt seine jüdischen Wurzeln heraus. Was aber sehr viele vergessen, ist, daß Kaminer seit Jahren immer wieder abstoßende Symphatien zu russischen Nationalbolschewist_innen zeigt und neuerdings auch antisemitisch nationalistische Propaganda in der Russendisko duldet.

Schon seit Jahren und als integralem Bestandteil seines DJ Projekts Russendisko reproduziert er relativ offen die kulturpolitischen Taktiken des Gründers der russichen Nationalbolschewistischen Partei Eduard Sawenko Limonow. Seine Bücher, sein Leben und sein Querfrontdiskurs scheinen es ihm mächtig angetan zu haben. Immer wieder kommt er auf ihn zurück, zitiert ihn gerne und bespricht seine Bücher.

Der letzte Coup war, daß er sich im letzten Jahr, wie er in einer Talkshow erzählte, an einem Marsch des längst zerbrochenen Bündnisses Drugaja Rossija (Anderes Russland), in Anlehnung an die Regierungspartei Edinaja Rossija (Geeintes Russland) beteiligt hat. Als Vorzeigedemokrat dieses vermeintlich relevanten oppositionellen Bündnisses muß im Westen immer wieder Garri Kasparov herhalten. Der Menschenrechtler und ehemalige Schachweltmeister ist aber nur einer der Führungspersönlichkeiten. Limonow, der Paradiesvogel mit Hang zu Nazi- und bolschewistischer Symbolik, bleibt als die führende Persönlichkeit im Westen zumeist unerwähnt. Kaminer war aber wegen dem Nationalbolschewisten im vergangenen Jahr in Moskau, nicht wegen den Menschenrechtler_innen.

Wie sich Kaminer selbst sieht, bleibt relativ unklar. Zwar zitiert die italienische La Stampa ihn im Jahr 2005 damit, daß er von sich selbst behauptet ein Faschist zu sein. Daß kaminer aber so offen seine Symphatien äußerst denke ich eher nicht. Weitere Nachweise für solch ein Statement sind nicht zu finden.

Worauf er sich aber immer wider beruft, ist seine Identität als russischer Bohemian. Dazu gehören rechtlastige russische Punkbands genauso dazu, wie jüdischer Klezmer. Modifizierte Nazissymbole sind ebenfalls kein Problem. Auch der weißrussische nationalistisch totalitäre Batko Lukaschenko bekommt seine Symphatien. Schließlich hat er, wie er in der Konkret #5 im Jahr 2006 schrieb, Weißrussland auf den Dritten Weg gebracht und einen kapitalistischen Sozialismus mit kollektiven Elementen etabliert. Nämlich:

Sowjetmacht minus Kommunistische Partei plus kapitalistische Lohnaufteilung minus freie Presse plus Aktienmarkt

Bloß gut, daß er nicht die Dritte Front eröffnet hat. Die querfrontlerischen sozialrevolutionären Nationalist_innen aus Deutschland hätten ihm ganz bestimmt im Streben unterstützt die belarussischen Nation zu retten. Gegen Anarchist_innen und andere Querköpfe wäre beiden bestimmt was hübsches eingefallen. Aber Lukaschenka ist, wie Kaminer meint, eben doch ein Macher und antibürokratischer Despot. Er braucht keine Hilfe. Und das ist auch gut so, glaubt der nationalistische Kulturarbeiter Kaminer.

Mit völlig schleierhaft ist, warum Kaminer immer wieder als Berliner Jude herangezogen wird. Nicht selten wird dabei seine intellektuelle und identitäte Nähe zu Nazidikursen und seine Symphatien für antisemitische Organisationen verdrängt. In der Sendung vivo bei 3sat geht es um Jüdisches Leben in Deutschland bekommt er ein eigenes Interview (circa ab der 25 Minute) und darf darüber erzählen, wie er (nicht) als Jude in Berlin lebt. Jüdischsein ist bei ihm unreligös und irgendwie eine Art Nationalität

Der vivo Beitrag selbst ist sehr interessant. Er klammert zwar Antisemitismus recht gut aus, aber es geht 3sat auch offentsichtlich nicht um die Diskriminierung jüdischen Lebens in Deutschland, sondern darum eben jenes als lebendig und heterogen zu portraitieren. Kaminer und seine Russendisko, die seit Jahren eher ein Live-Performance für Tourist_innen ist, mußte deshalb unbedingt dabei sein.

Was aber besonders ekelhaft ist, aber auch ein interessanten Einblick in die Entwicklung von Kaminers nationalistischer Performance Russendisko bietet, sind die Bilder im Beitrag. Da tanzt neben Kaminer ein junger Mann mit einem LDPR T-Shirt. Die Partei des charismatischen, immer wieder zu antisemistischen Ausfällen neigenden, Vodka-Spezialisten Wladimir Zhirinowski scheint nicht nur den Vornamen mit Kaminer zu teilen. Letzterer kennt offenbar neuerdings auch keine Berührungsängste mehr zu populistisch nationalistischen Ideologien. Wobei er sich mit seinen neuen Symphatien zur LDPR weiter in die russischen Mitte bewegt. mal sehen, wann er bei Putin ankommt.

In der Anfangszeit des DJ Projekts Russendisko kamen noch sehr viel jüdische Russ_innen ins Kaffee Burger. Seit Jahren sind die nicht mehr da. Sie wurden durch Mittebobos und Tourist_innen verdrängt. Fehlt eigentlich nur noch, daß Kaminer / Gruzhin nun auch den nächsten Schritt gehen und nationalpatriotische Musik, wie Lube, spielen.