Die Konstruktion des Anderen und die Angst vor dem Fremden

In Wagners Meistersingern inszeniert der deutscheste aller Komponist_innen einen bürgerlichen Sänger_innen-Wettstreit nach strengen Regeln, in welchem dem modernen Minnesänger und reinblütig adligen, volksdeutschen Ritter Walther von Stolzing der diletantische Sixtus Beckmesser gegenüber gestellt wird. In letzterem fließt all das zusammen, was der deutsche Volkskörper nach Wagner aussondern muß. Ganz im völkischen Geist der national mythischen Gesamtkunstwerk Ideologie wird dem deutschen Adligen mit Verbindung zum quasinatürlichem Grundungsmythos der Deutschen das Andere, nämlich das vermeintlich Jüdische in der Musik, in einem Formalisten und lediglich technischem Kopierer entgegengesetzt. Die Aufgabe, die einmal – zumindest kulturalistisch – dem Judentum zugewiesen wurde, hat heute der Islam übernommen.

Während bei Wagner der Adlige mit sauberer Genealogie zum (Kunst-) Revolutionär verklärt wird, ist es zur Zeit der sozialdemokratische Tabubrecher aus dem Bezirk Westend, dem ähnliche revolutionär volksnahe Attribute zugewiesen werden. Neben ihm steht eine lange Reihe vermeintlicher Tabubrecher_innen. Aus Neukölln ist es der Kontrollfetischist Buschkowsky, der immer wieder gegen die vermeintliche Nutzlosigkeit und ein imaginiertes, konsequentes Anpassungsunvermögen von Migrant_innen wettert. Gemeint ist der Verdacht, der das Andere und die Fremden betrifft. Sie sollen regelmäßig illoyal und nonkonformistisch sein. Dahinter steckt immer die Selbstbestätigung der Illusion einer völkisch kulturellen Einheit und deren möglicher Verlust. Verknüpft wird dies mit irrationalen sozialen Abstiegsängsten vor allem in der bürgerlichen Mitte.

Dieser diskursive Mechanismus fällt auf, wenn mensch sich die politische Begriffsangenda und mediale Reproduktion dieser Konstruktionen genauer betrachtet. Sämtliche Migrant_innen werden ungeachtet ihrer Heterogenität in religiösen, sozialen und kulturellen Differenzen zunehmend ausschließlich als Muslim_innen gekennzeichnet. Auf der anderen Seite stehen vermeintlich biologische Deutsche, die streng nach einer (nationalsozialistischen) Abstammungs- und Rasselehre konstruiert werden. Diese Deutschen sollen, so behaupten die völkisch konservativen Revolutionäre, wie Seehofer, Schröder, Buschkowsky und so weiter, massenweise von einer rassistischen Deutschenfeindlichkeit betroffen sein.

Nach dem unsäglichen volkstümelnden Kommentar von Schmidt hat die Jungle World in der letzten Ausgabe nun einer etwas differenzierteren Analyse Raum geboten. Matthias Lehnert verbindet richtigerweise die aktuelle Diskussion um diese ominöse Deutschenfeindlichkeit mit der Konstruktion des Fremden.

Die politischen Kreise, die üblicherweise den gesellschaftlichen Ausschluss von Nicht-Deutschen in Sammellagern als notwendig, Abschiebungen von Roma in das Kosovo als menschenrechtskonform und gewalttätige Übergriffe von Privatper­sonen auf Migranten allenfalls als »fremdenfeindlich« bezeichnen, reden nun also von Rassismus. Die Debatte ist allerdings keiner Unerfahrenheit im Umgang mit politischen Begriffen geschuldet. Sie beruht auf dem Wunsch, die Deutschen als Opfer statt als Täter zu inszenieren und die gesellschaftlichen Machtverhältnisse auf den Kopf zu stellen.

Rassismus besteht allerdings nicht darin, dass Menschen aus einer gesellschaftlichen Gruppe von Menschen aus einer anderen gesellschaftlichen Gruppe in einem einzelnen Fall schlecht behandelt werden. Bereits die Unterteilung der Gesellschaft in mehrere Gruppen, die in einem ­hierarchischen Verhältnis zueinander stehen, begünstigt rassistische Strukturen. Indem Gruppen von »Deutschen« einerseits und »Nicht-Deutschen« andererseits gegenübergestellt werden, sind die Privilegien schon verteilt und werden fortan sozial, politisch und rechtlich nur noch reproduziert. Ein »Deutscher« kann zwar von einem »Nicht-Deutschen« wegen seines »Deutschseins« angegriffen oder beleidigt werden, jedoch ändert das nicht grundlegend die Position, die die Beteiligten in der gesellschaftlichen Hierarchie einnehmen.

Eine rassistische Gesellschaft ist darauf angewiesen, den Gegensatz von »Einheimischen« und »Fremden« immer aufs Neue zu legitimieren. Da bietet es sich an, auf gewalttätige »muslimische« Männer und deren deutsche Opfer zu verweisen und damit scheinbar menschenfreundliche Argumente ins Feld zu führen. Tatsächlich werden dabei Gewalttaten und patriarchale Strukturen kulturalisiert: Wenn »muslimische« Jugendliche in Deutschland Gewalt ausüben, wird dies auf die »muslimische Machokultur« zurückgeführt; wenn hingegen ein deutscher Schüler Amok läuft oder seine Lehrerin bedroht, liegt das daran, dass der Täter gesellschaftlich ausgestoßen wurde oder nicht genügend Aufmerksamkeit bekam.

Ganz besonders wichtig finde ich aber den letzten Absatz.

Kritik von weißen Deutschen an Unterdrückungsverhältnissen, die sich auf den »fremden« Islam gründen, findet jedoch niemals im luftleeren Raum fernab hegemonialer Denkmuster statt. Sie kann noch so emanzipatorisch gemeint sein – sie ist immer der Schwierigkeit ausgesetzt, in unterschiedliche Hierarchieverhältnisse eingebettet zu sein, und birgt zwangsläufig die Gefahr, den Ausschluss des »Fremden« zu reproduzieren. Dieses Dilemma kann nicht einfach nach einer Seite hin aufgelöst werden.

Damit wird sensibel darauf verwiesen, daß plumpe Kritik am Islam von linker Seite nicht naiv schon per definitionem als emanzipatorisch angesehen werden kann. Die Ähnlichkeiten mancher Argumentationslinien in der Bahamas und in einigen Artikeln der Jungle World zu Diskursen in den Pro-Bewegungen, der Jungen Freiheit und anderen nationalistischen Veröffentlichungen müssen ernst genommen werden.

Der Lehnert Artikel ist deshalb meiner Ansicht nach sehr wichtig. Die Fokusierugn auf die Konstruktion des Fremden / Anderen läßt sich eben doch nich unabhängig von sozialen und gesellschaftlichen Diskursen analysieren. Jede Äußerung, die dies nicht reflektiert, muß scheitern und bietet eher Anknüpfungspunkte für Nazis und Nationalist_innen.

Was aber bei Lehnert fehlt, ist die Verknüpfung der Konstruktion des Fremden mit einer völkischen Selbstvergewisserung, wie sie Seehofer für die CSU leistet, und der damit einhergehenden Exklusion sowie Selektion des Anderen als Muslimisch.