„FC Union! Uns‘re Liebe! Uns‘re Mannschaft! Unser Verein! Union Berlin!“

Am gestrigen 2. November huldigte der Deutschlandfunk mit einem interessanten, aber zum Teil auch problematischen Feature (mp3) von Jörn Klare dem FC Union Berlin, seinen Fans und der Eisernen Untergrundlegende. Neben dem Unioner Urgestein Rudi Terraske, der über den ganz besonderen Geist von Union reflektiert, kommen neben den am kommerziellen Erfolg der Marke Union Berlin arbeitendem Präsidenten Dirk Zingler und einem Vertreter des Sportdirektvermarkters UFA Sports auch der Chronisten Gerald Karpa und Alexander Cierpka, der Mitbegründer der Kampagne Schöner Eisern ohne Nazis (S.E.o.N.), zu Wort.

Eines vorweg, bevor ich mich mit den problematischen Äußerungen von Unioner_innen auseinandersetze, ich habe großen Respekt vor dem, was der Verein Union Berlin und seine Fans seit ihrem Bestehen geleistet haben. Insbesondere die Rettung des Vereins durch die Blutspendeaktion Bluten für Union für die DFB Spielgenehmigung zur Regionalligasaison 2004 / 05 und der Ausbau der Alten Försterei nötigt, neben dem Abscheu vor der Selbstkasteiung, den kritischen Beobachter_innen auch einiges an Hochachtung ab. Auch die zahlreichen Vereins- und Fanaktivitäten, wie zum Beispiel bei den Berliner Respect Gaymes für Toleranz gegenüber LGBT Menschen und die Existenz einer eigenen Amateur Fanliga, sind beeindruckend.

Trotzdem bleiben die Eisernen Vereins- und Fanaktivitäten auch mit Irritationen verknüpft. Der unkritisch positive Bezug auf die ostdeutsche Herkunft und Tradition als Arbeiter_innensportklub, sowie die Aktivitäten, in denen immer nur der Verein im Zentrum steht, stören das offene Image der Eisernen. Die Vereins- und Fanaktivitäten reproduzieren lediglich die enge Identifikation mit Union als Eisernem Klub. Während andere Vereine, wie St. Pauli, Werder Bremen, Bayern München, der SV Babelsberg und in Berlin Tennis Borussia, und ihre Fans sich in Stadtteilinitiativen, alternativen Projekten und Freiräumen, in der Antidiskrimierungsarbeit und gegen Homophobie auch außerhalb des Stadions engagieren, ist bei Unioner_innen regelmäßig lediglich der Verein der Bezugspunkt und das Ziel einer totalen Loyalität. Für Union wird geblutet und geackert. Die Konstruktion des Eisernen Wir erinnert dabei an eine nationalistische Vergemeinschaftung in der aus dem Ich zum kollektiven Wir verkürzt wird.

Ich habe nix gegen ein emanzipatorisches Wir, daß nach Außen andere dazu einlädt sich zu beteiligen und deshalb immer auch den Bezug an die Umgebung sucht und in den sozialen Raum außerhalb des Stadions interveniert. Aber, wenn es lediglich darum geht, ein eigenes Universum gegen die potenziell feindliche Umwelt zu retten und die Individualität ganz märtyrerhaft durch die Eiserne Kollektividentität zu ersetzen, bleibe ich skeptisch.

Daß das Leiden eine maßgebliche und unbedingt notwendige Kategorie der Identität als Unioner_in ist, verdeutlicht Rudi Terraske, der seit 30 Jahren erst drei Spiele verpaßt hat, eindrucksvoll.

Das Leiden, das ist angeboren. Das geht ja gar nicht anders. Wir leiden, wenn wir Niederlagen haben, wir leiden auch, wenn es dem Verein sehr, sehr schlecht geht, wie es war. Aber wir freuen uns och, wenn es Union gut geht. Dann sind wir auch da. Aber wie!

Auch der nicht antifaschistische Nazigegner Alexander Cierpka verknüpft seine Genese zum Unionfan mit einer besonderen Leidensfähigkeit, die alle Eisernen verbinden soll.

Ich wurde wirklich Fan, als diese Aufstiegsspiele grandios verkackt wurden. Damals in Osnabrück mit drei Anläufen im Elfmeterschießen versagt. Das war der Punkt, wo ich gemerkt habe, es schmerzt. Und als ich gemerkt habe, es schmerzt, habe ich gemerkt, es bedeutet mir was. Von dem Moment wusste ich, es ist so. Ich konnte dagegen auch nichts tun […]

Das hat mich an Union eben auch immer fasziniert, dass bei den ganzen Niederschlägen auch in der Geschichte, die man dann ja mitkriegt von den Alten, dass eigentlich immer wieder aufgestanden wird. Und das widerspiegelt sich jetzt immer noch auf den Rängen. Also nach Niederlagen wird nicht gepfiffen, es wird stehengeblieben. Es wird nicht früher gegangen. Das sind so Grundregeln, mit denen ich mich absolut identifizieren kann.

Der Kant’sche kategorische Imperativ wird also für Unionfans zum standhaften Na und, das der Beiname der Gästespieler_innen ist, oder vielmehr einem trotzig realtitätsverleugnendem Scheiß egal. Die Eisernen sind nicht wütend auf den Verein und ihre Spieler_innen, sondern bleiben einfach stehen, als ob ihre weitere Existenz schon den Sieg bedeuten würde.

Das einzig symphatische an diesem Verhalten ist, daß es nicht um Sieg und Niederlage geht. Ein gleichgültiges Na und der Verweigerung traurig (oder wütend) zu sein, ist es eher nicht. Die Gleichgültigkeit betrifft eher die Nicht-Unioner Umwelt. Nach Innen wird die eigene Leidensfähigkeit, als masochistische Leidenschaft, wie Klare Cierpka zitiert, kultiviert und offenbar sehnsuchtsvoll der Schmerz als Ausdruck der Verbundenheit mit den Eisernen gesucht.

Unioner_innen scheinen sich als Unioner_innen erst zu spüren, wenn es wehtut! Mächtig skurril. Kommt mir aber irgend wie bekannt vor. Die Deutschen haben am meisten davor Angst keine Opfer zu sein. Irgendwer muß sie immer verfolgen und vernichten wollen. Damit das nicht passiert, wird zurückgeschossen. Die Flüchtlinge aus dem Osten fokusieren lediglich auf ihre Leidensgeschichte und blenden die Vernichtung aus. Der Richter Filbinger, der ohne Ende Todesurteile unterschrieben hat, verwandelt sich zum Widerstandskämpfer. Die NSDAP Mitglieder_innen aus dem Bund der Vertriebenen (BdV) waren selbstständlich nur in der Nazipartei, um Jüd_innen zu retten. Und Schuld war sowieso der Österreicher Hitler. Der war zwar katholisch und Leiden ist eher protestantisch, aber trotzdem bra(u)chte er Uns zum leiden. Vor allem im Osten, aber auch im Norden, im Westen und im Süden. Aber eigentlich hat das nicht viel mit Union zu tun . . .

Eine weitere wichtige Bezugsgröße der kollektiven Identität der Eisernen ist die Imagination subversiv und rebellisch zu sein. Dies ist auch ein Grund, warum Union sich an St. Pauli sowohl innerhalb der Fansszene als auch auf Vereinsebene zu orientieren scheint. Die Etablierung der Marke Union durch den Präsidenten Zingler und den Direktvermarkter UFA Sports muß deshalb vorsichtig vorangetrieben werden. Zuviel Werbung im Stadion geht gar nicht. Merchandising, so erzählt Klare im Feature, ist auf den Rängen verpönnt. Die Sponsoren kommen aus dem lokalen und regionalen Umfeld. Der Hauptsponsor verkauft Autoersatzteile. Das wird also noch ein langer Weg zum kommerziellen (Merchandise-) Erfolg, der sich an St. Pauli messen lassen will.

Aber Kommerz ist bei den Eisernen auf den Rängen eben nicht Teil der Identität. Terraske erzählt.

Das ist ein Arbeiterverein bei Union. Das ist ein Arbeiterverein, man fühlt sich da wohl. Kommerz, das behagt uns nicht. Wir müssen das aus eigener Kraft schaffen, was wir machen. Und das geht in Fleisch und Blut über.

Das kollektive Uns ist skeptisch, wenn es um Kommerz und Erfolg geht. Das paßt scheinbar nicht. Subversiv ist das auch nicht. Und Subversion gehört aber zum Eisernen Wir. Schon im Osten. Das, was heute die lilaweißen Fans bei Freistößen singen, wahrscheinlich ohne zu wissen, wo es herkam, entstand in der Alten Försterei.

In der DDR haben wir gerufen. Die Mauer muss weg! Gerade hier in der Alten Försterei, wenn da mal so ein Freistoß gegeben wurde, und dann musste die Mauer gezogen werden. Und wir gleich: Die Mauer muss weg! Die Mauer muss weg, haben wir immer gerufen. Die kiekten dann, da waren ja immer welche da.

Der Stasi hat das damals gar nicht gefallen. Die bemerkte aber auch, daß diese rowdyhaften Anhänger oft gar nichts vom Fußball verstehen. Der analytische Fehler der DDR Sicherheitsorgane ist unübersehbar. Die Eisernen verstehen schon was von Fußball, aber Leiden und irrationale Realitätsleugnung ist Teil ihrer kollektiven Identität. Die Wirklichkeit – auch die realsozialistische – interessiert sie wenig.

Dieses Anti-Alles nach Außen und Eisern nach Innen kennzeichnet auch die Auseinandersetzung mit Nationalist_innen, Sexist_innen und homophoben Fans. Sie werden als Unioner_innen geduldet, so lange sie nicht zu auffällig nach Nazi aussehen und sich äußern. Es gibt zwar keine Nazipropaganda im Stadion, Nazis allerdings schon. Außerdem fallen Unioner_innen insbesondere bei Spielen gegen Tennis Borussia immer wieder durch antisemtische, homophobe und sexistische Chöre auf und schrecken auch vor Übergriffen nicht zurück. Trotz dieser Aktivitäten pochen die Eisernen immer wieder darauf, daß Politik im Stadion nix zu suchen hätte. Selbst Cierpka, der Mitbegründer von S.E.o.N., betont diesen zentralen Konsens.

Diesen Keine-Politik-im-Stadion-Diskurs, den gibt es glaube ich bei fast jedem Verein. Ich finde den auch gut, also ganz ehrlich. Das Problem ist nur, dass es Leute gibt, die sich nicht daran halten.

Sich selbst zählt er übrigens nicht zu Letzteren.

Wir sind nicht gegen Rechte. Wir sind gegen Nazis. Wirklich dezidiert Nazis. Leute, die „Vizeweltmeister 45″ auf den T-Shirts tragen, die halt „Herrenrasse Fürstenwalde“ auf den T-Shirts tragen, die „Opa war in Ordnung“ auf den T-Shirts tragen, Landser-T-Shirts tragen. Wir wollten eigentlich diesen Leuten mit unserer Präsenz, die nicht aufdringlich sein soll, mit das Klima vergiften […]

Union hat kein Naziproblem. Es gibt überall Nazis bei Union auch, aber es ist jetzt nicht so, dass Union ein besonderes Problem hätte. Im Gegenteil: Eigentlich sind wir in Punkto Osterverein wirklich sehr gut aufgestellt, was gerade den Widerstand gegen diese Truppenteile anbelangt.

Erschreckend, wie inkonsequent der Antinazi-Konsens, der nicht antifaschistisch sein will, sondern eher anti-antifaschistisch, mit dem Keine-Politik-Kodex verknüpft wird. Die militärische Rhetorik ist dabei nur ein widerliches I-Tüpfelchen, die ignoriert, daß diese Truppen gut organisiert und äußerst aktiv sind. Insbesondere außerhalb des Stadions.

Diese Distanzierung von Politik und die Verklärung des eigenen Engagements gegen Nazis als apolitisch erinnert an die Rostocker Suptras, die im August eine größere NPD Delegation aus ihrem Block geprügelt haben. In ihrer Erklärung zum Vorfall positionieren sie sich nicht gegen Rechts, sondern gegen die Politisierung der Kurve im Allgemeinen durch Extremist_innen von beiden Seiten. Damit wird nicht nur völlig dämlich der Keine-Politik- sondern auch der Antiextremismusdiskurs der Sicherheitsbehörden reproduziert. Wie bei S.E.o.N. wird sichtbar, daß es den organisierten Fans doch nur darum geht das eigene Kollektiv nach Außen zu schützen und im Inneren zu festigen. Ihr sind im Wir solange willkommen, wie gesellschaftlich und sozial relevante Diskurse draußen gelassen werden.

Es ist vor allem diese Ignoranz gegenüber den regionalen, emanzipatorischen Kämpfen, die ich bei Union abstoßend finde. Hinzu kommt diese (deutsche) Sehnsucht nach Leid und Schmerz, die Unioner_innen erst zu Eisernen macht. Mit Subversion und den Kämpfen von Arbeiter_innen hat das wenig zu tun. Mit quasisakraler Überhöhung der Selbstkasteiung und -aufgabe schon eher. Das Kollektiv wird so im Eisernen Fankörper transzendiert und spürt sich selbst erst im Mob.

Das Feature beim Deutschlandfunk zeichnet ein interessantes Bild des Selbstverständnisses der Fans und des Vereins Union Berlin. Hoffentlich gibt es aber auch etwas entspanntere und vor allem emanzipatorisch kritischere Unioner_innen. Wahrscheinlich würden die aber das Attribut eisern von sich weisen.