„Mit Genehmigung des Verfassungsschutzes Brandenburg“

Mathias Brodkorb hat schon jetzt eine beeindruckende politische Karriere hinter sich. Nach der Wende schloß er sich der PDS an, die heute von seinem konservativen Lieblingsautor und Ex-Verfassungsschützer Rudolf van Hüllen als extremistische Partei betrachtet wird, die überall und jederzeit entlarvt und gestellt werden muß. Dann zog es ihn zur SPD, für die er in Mecklenburg-Vorpommern im Landesparlament sitzt. Neuerdings treibt es Brodkorb weiter nach rechts. Sein zivilgesellschaftliches Engagement gegen Nazis hat er offenbar aufgegeben und durch Ambitionen im Verfassungsschutz ersetzt.

Seine Extremismuswochen hatten schon einen merkwürdigen, rechtskonservativen Beigeschmack. Sein Vortrag bei einer Tagung des Brandenburgischen Verfassungschutzes, den er nun mit Genehmigung des Verfassungsschutzes Brandenburg in einer Kurzfassung bei endstation rechts in drei Teilen (1, 2, 3) veröffentlicht hat, bestätigt eindrucksvoll, daß es Brodkorb nicht mehr nur reicht, das extremismustheroretische Hufeisen rauszuholen, sondern das Phänomen der emanzipativen und nationalen Autonomen darauf zu verkürzen, daß beide untrennbar zusammengehören und nur zwei Seiten der einen extremistischen Medaille sind. Inhaltliche Unterschiede, die von Backes, Jesse & Co. noch reflektiert, aber grundsätzlich nachrangig sein sollen und analytisch verworfen werden, braucht Brodkorb nicht mehr. Mit dem Ex-Verfassungsschützer und obskuren Extremismusexperten van Hüllen, der massive Wissenlücken aufweist, polemisiert Brodkorb offen gegen Antifaschist_innen, engagierte zivilgesellschaftliche Akteure und eine vermeintlich verfehlte institutionelle Verbotspraxis. Hierbei ist der Feind nicht mehr rechts zu suchen, sondern es muß gegen alle Extremist_innen gehen.

Im ersten Teil seines Vortrags beschäftigt sich Brodkorb mit der Genese der freien Naziszene, die er konsequent aus den Verbotsverfahren gegen radikale Nationalist_innen ableitet und erst in den 90iger Jahren ansetzt. Schon diese Verkürzung wurde in einem Kommentar zum ersten Artikel zutreffend kritisiert.

hinzu kommt, daß sogenannte freie konzepte seit den 70iger längst existierten. mit kühnel und seinen organisationen gab es ideen einer intervention in den „vorpolitischen raum“. in stadien (siehe zB die „Borussenfront“, die bis heute rechtslastig und NS-nostalgisch ist) wurde rekrutiert, subkulturen (punk, skinhead bewegung, straight edge, hardcore usw) wurde gezielt genutzt und die eigene „bewegung“ durch eine heterogene jugendkultur aufgewertet.

Im zweiten Teil bearbeitet Brodkorb das Thema Mimikry und leitet es streng biologistisch ab. Völlig unerwähnt bleiben die kulturell theatralen Konzepte der Mimesis, die bis zu Aristoleles und Platon zurückreichen und sehr viel einschlägiger Nachahmungsmethoden hinsichtlich Erscheinung, Wahrheit und Idee untersuchen. Mit der Unterscheidung zwischen einer (bürgerlichen) Innerlichkeit und (fremden) Äußerlichkeit ließen sich hier durchaus interessante Ergebnisse generieren, die selbst bürgerliche und nationale Konstruktionen nicht vernachlässigen müssen. Vor allem könnte die kulturelle Praxis der Nachahmung und Aneignung sowie die Abgrenzung vermeintlich wahrhaftiger Reproduktion eines Mythos (wie bei Wagners Gesamtkunstwerks) von der rein technischen, ungefühlten Kopie, wie sie ebenfalls nach Wagner französische und vor allem jüdische Künstler_innen betreiben sollen, thematisiert werden.

Trotz der Erwähnung des Kulturphilosophen René Girard, der nie über Mimikry geschrieben hat, sondern eine mimetische Theorie in Anlehnung an Platon und Aristoteles entwickelte, ignoriert Brodkorb jeden kulturwissenschaftlichen Diskurs und fokussiert in seiner Argumentation jenseits einer differenzierten inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem Phänomen Autonome auf eine biologistische Übertragung naturwissenschaftlicher Diskurse. Diese Methode negiert, wie sozialdarwinistische Analogien, soziale und soziologische Ansätze. Außerdem scheint Brodkorb offenbar lediglich das wikipedia Wissen zu Mimikry zu referieren und konnte so jede inhaltliche Relevanz der nachahmenden Sender sowie die Abgrenzung zum Nachgeahmten ignorieren. Ziel ist offensichtlich eine Ineinssetzung von emanzipativen und nationalen Autonomen.

Dies läßt sich insbesondere am besonders widerlichen dritten Teil der Kurzfassung seines Referats erkennen. Hier wird die Gewalt von Nazis gegen alle nicht in ihr Weltbild passende Menschen völlig undifferenziert mit der Konfrontationsgewalt bei antifaschistischen Demonstrationen, zivilgesellschaftlichen Blockaden (auch Ziviler Ungehorsam genannt) und Kundgebungen gleichgesetzt, ohne zu bemerken, daß die Ziele andere sind und die Militanz sich nur selten gegen die politischen Gegner_innen richtet.

Auffällig ist weiterhin, daß die Kurzfassung offenbar Lücken aufweist, die den Duktus und Charakter des Referats bewußt verfälschen. Wahrscheinlich hat ihm Gordian Meyer-Plath, der Leiter des Extremismusreferats beim Brandenburger Verfassungsschutz, zu diesen glättenden Interventionen geraten. Schließlich war Meyer-Plath bei der Verfassungsschutztagung mit dem Titel Autonome Extremisten auf Gewaltkurs – schwarze Blöcke rechts und links selbst Referent und ist in der Öffentlichkeit eher durch sein Engagement gegen Antisemitismus und Rassismus vor allem zum Fußball bekannt. Deshalb wird Meyer-Plath in den Medien nicht selten, wie zum Beispiel von der Märkischen Volksstimme, dem Tagesspiegel und den Potsdamer Neuesten Nachrichten, als Rechtsextremismusexperte wahrgenommen, was allerdings nur eine Seite seines antiextremistischen Engagements ist. Neuerdings sieht er den Feind nämlich – in Anlehnung an die neue Politik der Bundesregierung und neue Programme gegen Linksextremist_innen – eher von links.

Die Tagung des Verfassungsschutzes zum Extremismus in Potsdam blieb in den überregionalen Medien weitestgehend unerwähnt. Obwohl dieses Thema durchaus kontrovers diskutiert wird und insbesondere aufgrund der vermeintlichen Eskalation linker Gewalt auch in bürgerlichen Medien, wie zuletzt bei Kontraste, Report München und der Berliner Zeitung thematisiert wurde, interessierten sich kaum Redaktionen für die brisanten Informationen zum linken und rechten Extremismus. Es berichtete lediglich die Märkische Allgemeine, deren Artikel Brodkorb lobend hervorhob, der rbb und der Tagessspiegel. Die Jungle World schrieb relativ spät eine kurze Meldung.

Einige Tage später erschien bei indymedia ein Bericht zur Tagung, der die Lücken in Brodkorbs vom Verfassungsschutz genehmigter Dokumentation offensichtlich werden läßt. Fraglich bleibt aber, inwieweit der alternative, aber ausführliche Bericht glaubwürdig ist.

Die Informationen weichen nicht nur von der Berichterstattung ab, sondern enthüllen Brisantes, insbesondere hinsichtlich des Referats von Brodkorb. So soll er den gemeinsamen Protest der Zivilgesellschaft und Antifaschist_innen für die zunehmende Gewaltbereitschaft und Organisierung als Autonome Nationalisten verantwortlich gemacht haben.

Die „Autonomen Nationalisten“ sind also nicht nur eine logische Konsequenz der „Freien Nationalisten“, sondern aufgrund von antifaschistischen Organisationen und Aktionen entstanden. Denn, so Brodkorb, „in aufeinander reagierenden Gewaltwellen“ ergeben sich „Wechselwirkungen auf den politischen Gegner“. Deshalb warnt Brodkorb auch vor den zuletzt sehr erfolgreichen Massenblockaden von Nazi-Aufmärschen. Denn die „guten und schlechten Antifaschisten“ hinderten die Nazis an der Ausübung ihrer Grundrechte.

Es ist auffällig, daß die Tendenz der Verharmlosung von Nazigewalt und die Gleichsetzung autonomer Militanz mit Naziübergriffen auch in den von Brodkorb dokumentierten Texten erkennbar ist. Auch die Angriffe auf Antifaschist_innen und zivilgesellschaftlichen Protest sind erkennbar. Nur scheint der indymedia Artikel sehr viel polemischer und pointierter Äußerungen gegen emanzipative Autonome und Antifaschist_innen zu betonen.

So schreibt (!) Brodkorb im dritten Teil seiner Dokumentation, daß sich die linke Szene sowie die bürgerliche Mitte unabhängig von etwaigen Rechtsstreitigkeiten über die Legalität von Blockaden politisch als ungewollte Katalysatoren der Autonomen Nationalisten erweisen. Aber Brodkorb beläßt es nicht bei einer Warnung, sondern steigert sich in arrogante Herabsetzung und offene Kriminalisierung des Protestes.

Wer die Möglichkeit dieser Zusammenhänge und Wechselwirkungen zwischen rechts und links schlicht leugnet, weil er diese Zusammenhänge einfach nicht wahrhaben will, handelt politisch naiv. Und wer dies tut, stellt sich vor allem selbst ein politisches Armutszeugnis aus, weil hiermit zugleich das Eingeständnis verbunden wäre, dass die eigenen politischen Aktionen mit Blick auf das gegnerische Lager ohne jede wirkliche Wirkung blieben.

Hierzu gibt es wenig anzumerken. Eben nur, daß Brodkorb offenbar die Verfassungsschutzmeinung komplett übernommen hat, daß zivilgesellschaftlicher und antifaschistischer Protest grundsätzlich politisch, sozial und vor allem sicherheitsrelevant abzulehnen ist und als extremistisch kriminalisiert werden muß.

Hierbei ist er sich mit van Hüllen – seinem Vater im Geist – der ihm offenbar die jugendlichen Flausen gehörig ausgetrieben hat, völlig einer Meinung. Das der vermeintliche Extremismusexperte van Hüllen aber bezüglich des rechten Extremismus nahezu ahnungslos ist, beweist er, indem er das Phänomen der Autonomen Nationalisten auf das Jahr 2008 zurückdatiert.

Der „Experte“ verwies ebenso darauf, dass die „Autonomen Nationalisten“ 2008 in das Licht der Öffentlichkeit getreten sind. Als Ursachen für ihr Entstehen und Auftreten sieht van Hüllen ein ganzes Bündel von Entwicklungen in der rechten Szene. Zur Erklärung des Phänomens entschied sich van Hüllen, diese neuen Neonazi-Gruppierungen aus Sicht der „originalen Autonomen“ zu „entschlüsseln“. Dabei merkte der Redner an, dass oftmals die Inhalte der „Autonomen Nationalisten“ nicht zu der von ihnen gewählten Form passten, es aber in einigen Fällen „Brücken“ gebe, die beide Gruppierungen miteinander verbinden würden.

Dazu entwickelte der „Experte“ folgende Hypothesen: erstens erklärt van Hüllen die AN über die linken Autonomen; zweitens bestehe ein Mangel an Forschung über Autonome; drittens verortet er die AN im politischen Extremismus und sieht sie nicht als subkulturelle Erscheinung. Dabei kopieren sie Themen vom „Original“ und zeigen in ihren Texten, dass sie dazu auch Literatur jenseits des Internets lesen und verarbeiten.

Ähnlich dämmlich zeichnet Brodkorb eine erstaunliche Linie der Freien Szene. Zwar weiß er, daß es sie schon in den 90igern gab, doch subkulturelle Wurzeln in den 80igern negiert er. Aber faschistische Wurzeln der originär linken Autonomen will er mit van Hüllen dann doch entdeckt haben.

Form und Inhalt ihrer politischen Produktpiraterie klaffen schon deshalb nicht auseinander, weil ihre ‚linke‘ Variante immer schon essentiell faschistoide Züge in sich bewahrte. Die genuinen Bezüge zum klassischen Faschismus finden sich besonders im Gestus des Kämpfers, der Militarisierung von politischer Symbolik und Sprache, in der Ästhetisierung der Gewalt – nicht mehr als Mittel zum Zweck, sondern als Selbstzweck.

Dies ist insbesondere an der Präferenz zur Farbe schwarz zu erkennen, meint Brodkorb.

Darüber hinaus ist die Farbe schwarz traditionell eben nicht nur die Farbe der Anarchisten, sondern auch die der Faschisten und der nationalsozialistischen „Schwarzen Front“.

Die Tradition des sozialdemokratischen Kampfbundes Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold und der Eisernen Front hat selbstverständlich nix mit Gewaltfetisch und Ästhetisierung von Militanz zu tun, sondern ist wahrscheinlich eher Ausdruck einer wehrhaften Demokratie. Oder ist Brodkorb diese militant antifaschistische und antikommunistische Tradition der bürgerlichen Mitte entgangen? Wer weiß.

Das Phänomen Autonome Nationalisten läßt sich aber durchaus aus den 20iger / 30iger Jahren vergleichend betrachten. Die Ähnlichkeiten zu den SA / SS Schlägertrupps ist nicht von der Hand zu weisen. Auch Verbindungen zur Arbeiterbewegung lassen sich herstellen. Sehr viel differenzierter und kritischer hat dies aber schon David Begrich im unrast Bändchen Autonome Nationalisten. Die Modernisierung neofaschistischer Jugendkultur in seinem Beitrag Kopie oder Entwendung analysiert. Begrich beschreibt darin, wie in einer Rezension bei der Stadtteilzeitung für Saarbrücken und den Erdkreis zu lesen ist, daß schon in der Weimarer Republik . . . Nazis Agitation, Stadtteilarbeit, Sprache und Aufzüge der Roten nachahmten. Zu beachten ist aber, daß bei diesen „Entwendungen aus der Kommune“ die Form den Stoff begräbt und der Stil den Inhalt verdrängt. Des Weiteren kritisiert er die militant patriotische Färbung der sozialdemokratischen Kampfbünde.

Also, Brodkorb verfehlt in seiner Argumentation, seinen Vergleichen und der ideologischen Ausrichtung eine brauchbare Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Autonomen Nationalisten. Eben auch, weil er sie zwanghaft mit den linken Autonomen als Extremist_innen verknüpfen will. Deshalb würde ich allen emanzipativen, zivilgesellschaftlich engagierten, gewerkschaftlichen und parteigebundenen Antifaschist_innen raten die Zusammenarbeit mit Mathias Brodkorb zu überdenken. Seine Äußerungen in den letzten Wochen und Monaten bestätigen, daß er längst fundamentalistischer Anhänger der Extremismustheorie ist. Des Weiteren scheint er zunehmend enger mit dem Verfassungsschutz zusammen zu arbeiten. Sein Gehorsam geht sogar soweit, daß er persönliche Veröffentlichungen von den Sicherheitsorganen autorisieren läßt. Mathias Brodkorb ist somit aus meiner Perspektive im Kampf gegen Nazis kein Bündnispartner (mehr)!