Fundamentalisten in der Offensive!

noborder Die christlichen, diesmal nicht die islamistischen, Fundamentalisten sind auch in Deutschland nicht stumm. Sie blasen zum Angriff auf die Unmoral. Sie demonstrieren für ihren religiösen, entmüdigenden Schwachsinn. Also auf zum Protest! Chaze weist in diesem Zusammenhang auf einige interessante Termine hin.

Los gehts im September mit einem Volksbegehren zur Durchsetzung der Wiedereinführung religiösen – besser gesagt christlichen – Religionsunterrichtes an öffentlichen Schulen. Die Berliner Initiative Pro Reli muss 170.000 Unterschriften auf der Straße sammeln um ihr Vorhaben der religiösen Konditionierung von Minderjährigen im öffentlichen Raum zu erreichen. Ihr Argument ist die Wahlfreiheit.

Nur gibt es in Berlin aber den überkonfessionellen Ethikunttericht, der sakular die nötigen westlich moralischen und ethischen Grundsätze vermittelt. Diese Werte scheinen sogar nach Ansicht der Initiative universell, also protestantisch, katholisch, muslimisch, jüdisch und humanistisch zu sein, jedoch bedarf es trotz des überkonfessionellem Ethikunterrichts eines religiös fundiertem. Den Lebensumständen soll Rechnung getragen werden, erst so kann Toleranz erlernt werden.

Naja, schon merkwürdig, wenn Ethik doch universell ist, warum braucht es dann eine religiöse Vermittlung? Es gibt doch ohnehin religiösen Konfirmanten- und ähnlichen Unterricht. Es kann also nur um die Begrenzung humanistischer Ethik, jenseits von Religion gehen. Übrigens ist nicht ganz klar, wer hinter der (Eltern-) Initiative Pro Reli steht. Die evangelische Kirche unterstützt das Vorhaben massiv. Die katholische Kirche ist über sinkende Religionsschülerzahlen traurig und unterstützt die Forderungen deshalb ebenfalls. Die anderen, über 100 Berliner nichtchristlichen Religionsgemeinschaften halten sich auffallend zurück.

Eine weitere, weitaus gruseligere Veranstaltung findet am 20. September zwischen 12 und 14 Uhr statt. Christlich-fundamentalistische Abtreibungsgegner_Innen veranstalten an diesem Tag zwischen Roten Rathaus und der katholischen St. Hewigs-Kathedrale den Marsch der 1.000 Kreuze. Mit dieser Aktion soll an die hunderttausendfache Tötung vorgeburtlicher Menschen in unserem Land erinnert und gedacht werden.

noborder Das klingt mächtig nach dem evangelikalen Projekt The Call, hat mit diesen Gotteskriegern aber widererwarten nix zu tun. Viel mehr sind es vor allem, wie schon beim Christival, wiederum evangelische Offizielle, die sich betont christlich geben, die lebendigen Leidenden ignorieren und zugunsten dogmatischer Vorstellung einer mutmaßlich göttlichen Schöpfung intervenieren, die tatsächlich eine biologische war. Auf diesem Gebiet läßt sich dann auch leichter eine wahrhaft christliche Ökumene herstellen. Die päpstlichen Abtreibungsgegner sind nämlich ebenfalls nicht zimperlich in ihrer Verurteilung jeglicher vorgeburtlicher Intervention. Da kann es schon einmal passieren, das Abtreibung mit dem Holocaust gleichgesetzt wird. Oder, dass Wissenschaftlern, die an embrionalen Zellen forschen – im Katholsprech Lebensgegner genannt – die Exkommunizierung droht. Mit dem Segnen von tötenden Militäria un soldatischen, potenziellen Mördern haben sie jedoch nicht soviele Probleme. Die kämpfen ja auch einen fast schon missionarischen Kulturkrieg am Hindukusch und anderswo.

Am 19. Oktober schließt sich dann der Kreis religiöser Fundamentalisten und konservativer Antimodernisierer. Um 14:30 Uhr gibt sich das Schmunzelmonster – der Dalai Lamaarsch – in der O2 World die Ehre und wird bestimmt ganz ambivalent, paradox aber erfrischend erleuchtend vor zahlungskräftigem Publikum über die Die Wissenschaft vom Glück predigen. Die billigsten Karten – für 25 EUR – sind alle schon weg. Jetzt gibts nur noch für über 100 EUR Zugang zur buddhistischen Erleuchtung, zur gezielten Schulung des Geistes und die Gewöhnung an heilsame Einstellungen des Glücks.

Böse Zungen könnten behaupten, dass diese Veranstaltung nix mit einer Kirche zu tun hat – ähnlich wie Scientology – sondern viel mehr mit esoterisch abergläubischem Blödsinn, der dem Publikum durch süßlich lächelndes Gesülze das Hirn verklebt. Aber ich will einmal nicht zynisch sein und dem Schmunzelmonster für seine kapitalistisch globalisierte Kleverness a la Petra Kelly, der unermüdlichen Kämpferin für Freiheit, Recht und Gerechtigkeit, vor allem aber für den Lebenschutz, gratulieren!


7 Antworten auf „Fundamentalisten in der Offensive!“


  1. 1 nichtalternativlos 06. August 2008 um 10:54 Uhr

    Konfessioneller Religionsunterricht gehört meiner Ansicht nach in die Kirche/ Kirchengemeinde und nicht in die allgemeinbildende Schule, gerade in einer multikulturellen Stadt wie Berlin. Trotzdem finde ich, dass Religion in Form eines ALLGEMEINBILDENDEN Religionsunterrichts, der auch nicht durch Vertreter bestimmter Kirchen oder Konfessionen angeboten werden sollte, in der Schule eine größere Rolle spielen müsste. In vielen Ländern und Regionen der Erde hat Religion eine wichtige Funktion für die Rechtfertigung der Inhalte (kritikwürdiger) Politik und der politischen Kultur (nehmen wir nur als Beispiele den Nahostkonflikt oder die politische Kultur der USA), so dass auch weltpolitisch bedeutende Ereignisse nur mit einer gewissen religiösen Allgemeinbildung verstehbar werden. Eine solche Bildung kann in differenzierter Form vielleicht auch dazu beitragen, den gesellschaftlichen Boden für religiösen Fundamentalismus zu reduzieren und dessen Widersprüche und Doppelmoralitäten auch für Menschen verstehbar machen, die von Hause aus weniger religiös vorgeprägt sind.

  2. 2 Butch Jonny 06. August 2008 um 11:35 Uhr

    Wozu einen „allgemeinbildenden“ religionsunterricht? das, was du beschreibst gehört in den politik- oder geschichtsuntericht. die sezierung internationaler konflikte ist auch für sogenannte experten schwierig, denn diese sind oft äußerst kompliziert. religiöse anschauungen sind umstritten und nur ein teil der krise.

    eine genaue auseinandersetzung mit den religionsgrundlagen – wobei zu fragen ist, welche genutzt werden würden, die katholisch- orthodoxe-, protestantisch, evangelikalchristliche, jüdische, muslimische, zen-, theravada-, mahayanabuddhistische – ist sehr anspruchsvoll und braucht eines sehr genauen studiums. ein „allgemeinbildender“ religionsunterricht ist einfach nicht zu machen, denke ich.

    fundamentalismus läßt sich aber durch den verpflichtenden ethikunterricht (pdf des konzepts) durchaus gut hinterfragen. sogenannte lebensfragen können aus verschiedenen perspektiven betrachtet und heterogen beantwortet werden… das sollte reichen!

  3. 3 Thomas 07. August 2008 um 21:54 Uhr

    Aha, Butch, da diese (in meinen Augen sehr sinnvolle Sache) schwierig ist, sollte sie also gar nicht erst angegangen werden. Das kapitalistisch geprägte Schulsystem sorgt mittels der Dreigliederung schon so für Zwangsverdummung (weil man nur einen bestimmten Teil „schlauer“ Menschen in unserem Verwertungssystem benötigt). Eine gewisse Zwangsverdummung muss ich nun auch bei deiner Argumentation attestieren.
    Welche „heterogenen Perspektiven“ willst du denn im Ethikuntericht anwenden? Das klingt ja auch gar nicht so einfach. Wäre da nicht auch ein wenig Oblomowerei viel schöner…?

  4. 4 nichtalternativlos 08. August 2008 um 14:16 Uhr

    Eben gerade deshalb weil die Weltreligionen (ihre Geschichte, Entstehung, Traditionen) eine komplexe Materie darstellen, passen sie neben mehreren Jahrtausenden Menschheitsgeschichte erfahrungsgemäß nur schlecht in den Geschichtsunterricht (rein zeitlich). Dummerweise würde zudem auch ein Ethikunterricht nicht um eine Darstellung der Religionen herumkommen: Viele Werte und Normen (Ob sie verwirklicht werden, sei dahingestellt.) unser säkularisierten Gesellschaften wurzeln nämlich ideengeschichtlich in religiösen Werten, auch wenn uns das heute oft gar nicht so bewusst ist.

  5. 5 Butch Jonny 08. August 2008 um 16:34 Uhr

    @nichtalternativlos: letzterem würde ich zustimmen. die werte sind meiner ansicht aber universell und benötigen nicht unbedingt die ideengeschichtliche fundierung. die könnte mitgeliefert werden. dafür reicht aber, meiner ansicht nach, der berliner ethikunterricht aus. die politischen und historischen zusammenhänge der einflüsse von kirchen auf die ‚zivilisatorische entwicklung‘ dagegen gehört meienr ansicht nach schon in den geschichtsunterricht. nur bleibt dieser sehr oberflächlich. ansonsten, wenn der genaue religionshistorische hintergrund auch beleuchtet werden soll, dann würde ich eine neues fach einführen. das würde dann aber kirchen-/religionskritik heißen. das gefällt dann bestimmt noch weniger leuten, als schon der ethikunttericht.

    @thomas: mein heterogener ansatz bezieht sich darauf verschiedene perspektiven gleichberechtigt nebeneinander zu stellen. da gibt es keinen, der die WAHRHEIT auch nur ansatzweise für sich in anspruch nehmen sollte. kirchen haben da so ihre präferenzen, die sie dogmatisch verteidigen. die zwangsverdummung passiert auf eben dieser seite, nicht in einem offenen säkularisierten, meinetwegen auch kapitalistischen eliteunterricht.

    im übrigen möchte ich darauf hinweisen, dass auch der konfessionelle ethikuntericht nicht gerade zu vorbildlichen bürgern geführt hat. nichteinmal christlichbessere menschen haben diesen verlassen. die leute, die religionsunttericht hatten, sind unter umständen genauso scheiße, wie diejenigen, die keinen hatten. der effekt iss also gleich null. warum die ganze aufregung? nach diesem muster wird nämlich auch der sakulare ethikunterricht keine besseren menschen hervorbringen. und ein oblomowtum erst recht nicht, thomas…

  1. 1 hätt maria abgetrieben… « im*moment*vorbei Pingback am 23. August 2008 um 17:17 Uhr
  2. 2 Protest gegen 1.000 Kreuze Aufmarsch christlicher Fundamentalisten « Analyse, Kritik & Aktion Pingback am 17. September 2008 um 10:56 Uhr
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