„Yes, Jesus loves me“

Am gestrigen Mittag trafen sich circa 200 selbsternannte Lebensschützer um auf einen phantasierten Babybcaust aufmerksam zu machen. Für diese christlichen Fundamentalisten bedeutet Lebensschutz lediglich die Ablehnung jeder Art von Intervention in die göttliche Schöpfung, das heißt die totale Reglementierung der Sexualität. In Hör- und Sichtweite protestierten circa 200 Demonstranten.

Die Zahlen, die bei indymedia sowohl für die Fundis als auch die Kritiker kursieren, sind maßlos übertrieben. Die zumeist älteren Christen waren nicht mehr als 200, eventuell 250, aber auf keinen Fall mehr. Ich gebe aber gerne zu, daß, wenn diese Blödmänner ihre weißen Kreuze ihrem Heiland entgegen strecken, diese performative Inszenierung beeindruckt und so ihre Zahl zumindest visuell höher scheint. Auf Seiten der bunten Kritiker, in schwarz, bunt, blau, lila, weiß und vor allem behutet, wenn nicht gar von Team Green liebevoll behütet und permanent belauert, waren es ebenfalls nicht mehr als 200 Demonstranten. Hier varierte die Zahl permanent. Vermutlich gab es immer wieder Freigeister, die sich unter das Fundivolk mischte und ein wenig Verwirrung stiftete. Leider kam es deshalb zu einigen unschönen Szenen, deren wichtigste Protagonisten die schon angesprochenen Spielverderber in Grün waren.

Reclaim your Body

Im Einsatz waren im Übrigen circa 40-60 Bereitschaftspolizisten der Einheiten E3, F3, B3 und die 24iger. Wie zu beobachten war, schienen insbesondere die Kollegen von E3 dafür zuständig gewesen zu sein Festnahmen durch zu führen. Sie intervenierten schon sehr früh. Bevor die Veranstaltung der hauptsächlich männlichen Lebensschützer begann, kam es zu ersten mündlichen Platzverweisen und zwei brutalen Festnahmen. Danach waren die E3 Choleriker erstmal für einige Zeit verschwunden. Es gab ein bißchen Trommeln, Transparente, Diskussion mit den Fundis. Das zog sich bis in die eigentliche Veranstaltung der Fundis, die zumindest für circa eine Viertel Stunde massiv gestört werden konnte. Das Podium der Lebensretter mußte reagieren. Team Green leider auch.

Aber auch die Kundgebung gab einiges her. Sehr erfreulich fand, daß in Reden auch der Fokus auf die faschistischen und reaktionären Tendenzen dieser widerlichen christlichen Fundamentalisten gelenkt wurde. Die Einordnung des Kampfes um eine Selbstbestimmung der Frau, eben auch – oder ganz besonders – bezüglich ihrer Sexualität, in den großeren Zusammenhang der fortgesetzten feministischen Auseinandersetzung, fand ich ebenfalls sehr wichtig.


Weitere Bilder bei indymedia und schokoblog.

Etwas sauer ist mir das Transparent Abtreibung gehört zum Leben dazu ausgestoßen. Die Verknüpfung von Leben und Abtreibung in einen quasi natürlichen Zusammenhang empfinde ich doch als äußerst fraglich und schwach. Die soziale, meinetwegen auch feministische, aber vor allem patriarchale Komponente sollte bei der Auseinandersetzung mit den Klerikalfschisten auschlaggebend sein. Deshalb hat mir das Kein Gott! Kein Statt! Kein Patriarchat! deutlich mehr aus der (nichtexistenten) Seele gesprochen. Aber ich lasse mich natürlich auch gerne überzeugen! Vielleicht liege ich ja falsch.

Das Musikprogramm der Christen kann ich nur empfehlen. So viel Trash auf einem Haufen, hab ich noch nie gehört. Und so viele Erwachsene – oder die sich dafür halten – die Kinderlieder hören, hab ich auch noch nie gesehen. Der absolute Brüller war das seicht weichgespülte, folkangehauchte, porentief weiße und kitschige Yes, Jesus loves me.

Wenn mensch sich aber den Hintergrund dieses Hymnus betrachtet überkommt mensch ganz schnell ein übler brechreiz. Er war nämlich dafür gedacht sterbende Kinder aufzumuntern und zu trösten. Das heißt, die Hinterbliebenen im Angesicht des dahinsiechenden Kindes den Schmerz und die Trauer durch eine vermeintliche göttliche Fügung und schicksalhafte Vorsehung zu nehmen und sie religiös gegen ihre Emotionen zu anästhesieren. Die Auswahl ist demnach nicht zufällig, sondern reiht sich nahtlos in Entemanzipierung, Homophobie und Antikommunismus ein. Ich würde den Christen eher empfehlen, Jesus als Freund zu betrachten. Is‘ symphatischer!


14 Antworten auf „„Yes, Jesus loves me““


  1. 1 xyz 21. September 2008 um 12:35 Uhr

    Würde dir im großen und ganzen zustimmen, die Zahl der ‚Lebensschützer‘ war aber weitaus höher. Bei der Kundgebung sah es nicht so viel aus, beim anschließenden ‚Schweigemarsch‘ waren es dann aber doch deutlich mehr, würde mal ca. 800 schätzen. Auch die Zusammensetzung würde ich als durchaus gemischt beurteilen, waren ziemlich viele Jugendliche dabei. Jedenfall. eine grausame Geschichte.

  2. 2 Butch Jonny 21. September 2008 um 17:11 Uhr

    den marsch hab ich nich‘ gesehen. vielleicht sidn es ja wirklich mehr gewesen. ich dachte vor zwölf, daß die nie mehr als 50 zusammenkriegen werden und dann kamen die doch von überall her. erschreckend fand ich die ‚großfamilien‘– was nicht heißt, daß ich was gegen großfamilien hab – aba die ideologische indoktrination so vieler junger menschen durch angsteinflößende, bösartige, beklemmende und ekelhafte vorstellungen is‘ schon erschreckend.

    vielleicht war bei meiner zahl doch der wunsch mutter_vater des gedankens ;-)

  3. 3 Thomas 21. September 2008 um 19:34 Uhr

    Deine Ansichten über die Existenz der Seele machen mich ein wenig stutzig. Sie aus dem Bereich der Realität herauszudenken weil sie wissenschaftlich nicht bewiesen werden kann, halte ich für falsch. Daraus entspringt ein rein mechanisches Weltbild, zu dem der Spruch „Abtreibung gehört zum Leben dazu“ gut passt.

  4. 4 Julinoir 22. September 2008 um 0:15 Uhr

    Team Green war tatsächlich ausgesprochen agressiv unterwegs: es gab drei Festnahmen, nicht zwei.
    Zu dem Transpi „Abtreibung gehört zum Leben dazu“: Es ist so zu verstehen, dass Abtreibung im Leben vieler Frauen früher oder später eine Rolle spielt. Es soll verdeutlichen, dass es sich nicht um einen verwerflichen, zu verdammenden Vorgang handelt. Es geht auch um eine Kritik daran, dass Abtreibung im gesellschaftliche Diskurs, und auch in linken Diskursen, tabuisiert und kaum diskutiert wird.

  5. 5 Butch Jonny 22. September 2008 um 10:29 Uhr

    @thomas: ich weiß nich‘, obs eine seele gibt. sie hat sich bei mir noch nich persönlich vorgestellt. ich denke, der mensch ist etwas ganzes. da gibts nix was abgetrennt ist. körper und „seele“ zu trennen ist lediglich ein tzivilisationsprozess. das gilt ebenso für vernunft vs. emotionen, fortpflanzung (christen würen es wahrscheinlich schöpfung nennen) vs. sex (wat aber auch gar nix mit göttlicher schöpfung zu tun hat… mir ein mechanisches weltbild vorzuwerfen, paßt dazu die menschliche existenz in verschiedene bereiche aufzuteilen. eben körper, seele, emotionen, herz, verstand, arme, beine, gehirn. aber genau das tue ich nicht. da paßt schon eher der vorwurf der esoterik!

    @ julinoir: ich hab die festnahme von zwei leuten gesehen. gab es später nicht sogar noch mehr als eine festnahme? es wurden doch öfter leute von der christen-kundgebung zu den wannen geführt. die dritte hab ich wirklich ganz vergessen. sorry! ich hoffe, den leuten gehts gut und ihnen wurde nicht wehgetan.

    und, das mit dem transpi ist mir durch deien erklärung klarer. war mir in der hinsicht nicht bewußt. vielleicht gehört es dann (jenseits der diskussion um gesell. zustände) wirklich zur realität, die eben nicht tabuisiert werden darf. es ist eben doch ein alltägliches problem, jenseits von sozialen kämpfen, mit dem frauen – aber auch männer – in irgend einer weise umgehen müssen.

  6. 6 David 26. September 2008 um 1:39 Uhr

    Mensch kann von solchen Aktionen ja halten, was er_sie will – und sie auch entsprechend kommentieren dürfen. Bei der Wahrheit sollte mensch dann aber doch keine Abstriche machen!
    Ich war am besagten Tag auch in Berlin und würde die von Dir sog. „Lebensschützer“ auf mind. 800 und max. 900-1000 schätzen. Geringere Angaben sind schlichtweg unseriös und das hast Du echt nicht nötig!

    Es stimmt wohl, dass mehr Männer da waren – dass es aber v.a. alte Menschen gewesen sein sollen, da scheint doch eher der Wunsch Vater des Gedankens zu sein!

    Von der „totale[n] Reglementierung der Sexualität“ zu berichten, ist ebenfalls total daneben. Habe mir die gesamte Kundgebung angehört. Das kam nicht einmal indirekt vor!!

    Ich frage mich wohl nicht ganz zu Unrecht, woher Du all die Details eigentlich hast… Sie sind extrem gefärbt und es fehlt ihnen auch an sachtlicher Korrektheit. Und was am Schlimmsten ist – ich frage mich beim wiederholten Durchlesen, wer hier eigentlich ein FUNDAMENTALIST ist! Die Aussagen der „Lebensrechtler“ machten auf mich jedenfalls keinen so fanatischen Eindruck… Lohnt sich, mal drüber nachzudenken, ehe mensch so etwas veröffentlicht!

    Nun denn, so viel von mir dazu. Schönen Tag!

  7. 7 David 26. September 2008 um 1:43 Uhr

    Nachtrag: sorry, habe Dein Zurückrudern hinsichtlich der Zahl völlig übersehen… Nehme ich zurück :)

  8. 8 Butch Jonny 26. September 2008 um 10:56 Uhr

    Die totale reglementierung der sexualität bezieht sich auf die vorstellung, daß sex lediglich zur fortpflanzung erlaubt ist. jeder lustvolle genuß, jede lustvolle ekstase wird dadurch reglementiert und damit natürlich auch sexualität in ihrer sesamtheit negiert…. und es wurde sehr wohl indirekt angesprochen. nämlich als ein herr – offenbar ein lehrer – davon sprach, wie sich jugendliche in einer disko am wochenende verhalten, daß sie von einem blümchen zum nächsten hüpfen, sich amüsieren und wild durch die gegend poppen. dies wurde abgelehnt. ist dieskeine reglementierung? hinsichtlich sexualität und reglementierung scheinst du eine ideologische, unkritische brille auf zu haben…

    bezüglich der ältere männer / frauen hat mir ein artikel bei telepolis aus dem herzen gesprochen.

      Die meisten Abtreibungsgegner, die sich hier auf dem Alexanderplatz tummeln, sind Männer. Von den anwesenden Frauen ist die Mehrzahl nicht mehr im gebärfähigen Alter. Diejenigen Frauen, um die es geht, diejenigen, die schwanger werden und abtreiben könnten, sind damit deutlich unterrepräsentiert.

    so, hab ich das auch gesehen. und die dame, die dies schrieb war länger da. ich wollte / mußte gehen und kann natürlich über die zusammensetzung des angehäuften christlichen (eben nicht jüdischen, muslimischen, hinduistischen, buddhistischen) fundamentalistenhaufen wenig sagen. aber es war wohl so einiges an kreationisten, id-spinnern, messianischen juden, verschiedenste protestantische sekten und andere christen anwesen. das dieser christliche kuddelmuddel nur so wenig leute zusammengebracht hat, ist einfach nur bezeichnend. in münchen werdens wahrscheinlich mehr. auch, weil sich nazis – die bekanntlich gerne ausgrenzend marschieren – am marsch beteiligen wollen. mal sehen, wie die nächstenliebenden christen mit denen umgehen.

  9. 9 just 05. Oktober 2008 um 14:55 Uhr

    hier sind noch ein paar mehr bilder:
    http://www.flickr.com/photos/justusjonas/2872307131/

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