Medienschau am Sonntag (6)

Beim Korrekturlesen der heutigen Medienschau ist der Neoliberalismus als ein kleiner roter Faden zum Vorschein gekommen. Diese Ideologie sorgt für einen fast kritiklosen Ausgleich verlorener Bankwetten, fördert die rechtsextreme Ideologie, treibt serbische Arbeiterführer zum Äußersten, sorgt in Deutschland für die Abschaffung der Mittelschicht und tritt im Ganzen als Asozialismus zutage.

Ansonsten gab es in der Online-Welt wieder ein Großereignis, nämlich eine Bundestags-Petition über die Nichteinführung eines Internet-Zensurgesetzes. Das passt auch gut zur Thematik des bundesweiten Volksentscheids. Der Freiherr aus Bayern, wundersamerweise Wirtschaftsminister, hat sich unterdessen mit selten hohem Maß an Inkompetenz zur Petition zu Wort gemeldet.

Wo bleibt die nächste Pandemie?“ (Sprektrum der Wissenschaft, 2008 erstmals erschienen)
Aus aktuellem Anlass wurde bei Spektrum der Wissenschaft ein Artikel über die Vogelgrippe aus dem Jahr 2008 noch einmal aus dem Archiv gezogen. Darin wird thematisiert, dass die „Pandemie der Angst“ schnell zum Desinteresse für eine tatsächlich Pandemie führt. Die Vogelgrippe, 2005 stark in den Medien präsent, ist dabei immer noch genauso gefährlich wie ungefährlich wie damals zur Hochzeit der Berichterstattung. Besser als die alle paar Jahre aufkommende Panik wäre eine unaufgeregte Aufklärung zum Thema Grippe und einem wirksamen Schutz vor ihr.

Kalter Putsch: Industriestaaten im Würgegriff der Finanzoligarchie“ (meta-info.de vom 04.05.2009)
Mit wundersamer Selbsterverständlichkeit werden die verlorenen Wetten der Banken („neuartige Finanzprodukte“) mit öffentlichen Steuergeldern ausgeglichen. Das ist das Ergebnisses des jahrzehntelang aufgebauten Mythos von der Wall Street als dem Angelpunkt von Macht und Geld. Diese Glaubensmaxime erklärt den Finanzsektor für absolut systemrelevant, so dass alles zu desse Rettung unternommen wird.

Nur Verlierer kooperieren“ (taz vom 05.05.2009)
Keine Sorge, die Überschrift spiegelt nicht die Meinung des Interviewten Peter Sloterdijk wieder, es handelt sich vielmehr um seine Beschreibung des Denkansatzes im neoliberalen Zeitalter – von ihm auch als Asozialismus betitelt. Diesem Thema ist auch sein Buch „Du musst dein Leben ändern“ gewidmet. Ihm zufolge sollte nicht in erster Linie die Welt verändert werden, sondern wir sollten uns verändern. Und damit dürfte er durchaus recht haben. Schließlich ist Neoliberalismus, Kapitalismus und Asozialismus (wie immer man das nennen möge) ein Resultat des gestörten Verhältnisses des Menschen mit seiner Umwelt und der Natur.

Analyse: Marktradikalismus und moderner Rechtsextremismus“ (npd-blog.info vom 05.05.2009)
Der wirtschaftspolitische Ansatz des Neoliberalismus hat sich seit den 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts zu einer sozialphilosophischen Ideologie entwickelt, der die Umgestaltung der Gesellschaft nach den Paradigmen des Marktes zum Inhalt hat. In seiner äußersten Form ist es durchaus berechtigt von Markradikalismus oder gar -fundamentalismus zu sprechen. Christoph Butterwegge hat die Auswirkungen des Marktradikalismus auf den Rechtsextremismus im Sammelband „Neoliberalismus. Analysen und Alternativen“ untersucht. Über den Text wird es in der nächsten Woche eine Besprechung auf AKA geben.

Wenn Arbeiter zu Kannibalen werden“ (taz vom 06.05.2009)
Letzte Woche hatte ich einen Artikel über den serbischen Arbeiterführer Zoran Bulatovic veröffentlicht, der sich einen Finger abgeschnitten und diesen aufgegessen hat, weil er auf die furchtbare Situation der Textilarbeiter hingewiesen hat. Die taz ist der Sache etwas mehr nachgegangen und hat eine Reportage dazu veröffentlicht. Tatsächlich haben viele Arbeiter in der einst blühenden Textilindustrie seit 1993 nur einen Teil des ausstehenden Lohns erhalten. Aufgrund von Privatisierung und Krieg seit Anfang der 90er-Jahre sind weite Teile der Bevälkerung immer weiter verarmt. Der serbische Sozialminister sieht keinen Sinn in den harten Protestaktionen, da die Staatskasse bankrott ist und es nichts zu verteilen gibt.

Welcher Kandidat steht wie zu Volksentscheiden?“ (telepolis vom 06.05.2009)
Das größte derzeitige Anliegen des Vereins Mehr Demokratie e.V. besteht im Moment darin, dass bundesweit die Möglichkeit zum Volksentscheid eingeführt wird. Leider wissen die meisten Bürger nicht, wie zu diesem Thema die Position der Kandidaten in ihrem Wahlkreis ist. Deswegen hat der Verein eine Webseite eingerichtet, bei der man mithilfe seiner Postleitzahl diese Information einholen kann. Derzeit sind die Daten noch ziemlich unvollständig – bis zur Bundestagswahl wird sich das sicher ändern.

Abschaffung der Mittelschicht“ (Der Freitag vom 7.05.2009)
Jeder (von uns) spricht darüber wie übel die Gentrifizierung doch ist, wahlweise am Kollwitzplatz, in Kreuzberg oder in Nord-Neukölln. Um einiges schlimmer sieht es aber da aus, wo quasi das Gegenteil von Gentrifizierung zu beobachten ist, beispielsweise in Marzahn-Hellersdorf. Dort gibt es keine Mittelschicht mehr, das Bild wird zunehmend von alleinerziehenden Menschen (zu 94% Frauen) bestimmt. Das hat zunächst Folgen für die dort lebenden Kinder und kann sich zu einem Brandherd für soziale Unruhen* entwickeltn. Nun gibt es natürlich einen engen Zusammenhang zwischen Gentrifizierung und, wenn man so will, De-Gentrifizierung. Schuld sind aber nicht irgendwelche Yuppies, sondern Wohnungspolitik und Hartz4-Gesetzgebung im Rahmen der Agenda 2010.

Kinderpornografie und Netzzensur“ (cwoehrl.de vom 07.05.2009)
Innerhalb weniger Tage hat eine Online-Petition, die sich gegen die Indizierung und Sperrung von Webseiten durch das BKA wendet, 50.000 Unterschriften gesammelt – nach der Petition zum Thema bedingungsloses Grundeinkommen also die zweite Petition, die eine große Anhängerschaft mobilisieren konnte. Die Zusammenfassung von Christian Wöhrl stellt alle wesentlichen Argumente der Kritiker des Gesetzes zusammen. Die Freiheit des Internets und die Meinungsfreiheit ist bedroht, weil in diesem Fall das BKA als Ermittler, Ankläger und Richter in Personalunion auftritt. Die Petition läuft noch bis zum 16. Juni.

10 Thesen warum deutsche Blogs nicht funktionieren“ (sueddeutsche.de vom 07.05.2009)
In Deutschland sind Blogger Randfiguren meint Felix Salmon, einer der erfolgreichsten amerikanischen Blogger, und erklärt dies völkerpsychologisch mit dem deutschen Beharren auf Status, Hierarchie und Qualifikation. Da erscheint der „Deutsche“ erstmal in einem ziemlich öden Licht, aber es lohnt sich weiterzulesen. Blogger, so Salon unter Punkt 6, müssen spontane Schnellschüsse abgeben können. Analythisches und methodisches Vorgehen schaden dem Erfolg. Da fragt man sich, was man lieber ließt: einen spontanen, schnellen, fehlerhaften und kreativen Artikel oder lieber ein durchdachtes, eher korrektes, aber nicht ganz so flottes Textwerk. Vermutlich aber passen Blogs wirklich gut zum Zeitgeist: Spontanität, Geschwindigkeitsrausch und Beliebigkeit sind ja gerade schwer angesagt – bis hinein ins linksradikale Milieu.

Heute im Angebot: Das Paintball-Verbot“ (spreeblick.de vom 08.05.2009)
Spaß muss schon etwas schlimmes sein, wo doch dessen Verbot gern und oft gefordert wird. Aktuell das Beispiel Paintball bzw. Gotcha. Argumentiert wird hierbei mit der Vernunft, die solche angeblich kriegsverherrlichenden Spiele verbietet. Fragt sich nur was daran vernünftig sein soll, wenn eine Teamsportart zur körperlicher Betätigung und Abbau von Aggressionen verboten werden soll. Amokläufe lassen sich sicherlich nicht mit der Forderung nach unkörperlicher Sublimierung von Aggression verhindern – im Gegenteil. Als nächstes wäre dann wohl Juggern auf der Verbotsliste.

* Wobei soziale Unruhen nicht per se schlecht sein müssen. Der taz-Autor Christian Semmler geht sogar davon aus, dass sie für unsere Demokratie notwendig und daher wünschenwert sind. Die selbe Ansicht vertritt Jutta Ditfurth in ihrem neuen Buch „Zeit des Zorns“.


2 Antworten auf „Medienschau am Sonntag (6)“


  1. 1 Machnow 11. Mai 2009 um 16:00 Uhr

    “. . . gestörten Verhältnisses des Menschen mit seiner Umwelt und der Natur“

    Die Sloterdajk Rhetorik finde ich grundsätzlich problematisch. Er argikmentiert biologistisch, ffaselt von einer ethik der arbeit an sich selbst (die mir sehr nach protestantischem verklärungswahn klingt) und möchte den menschen mit der umwelt versöhnen. er phantasiert sich (biologistisch) einen phatologisches mißverhältnis zusammen. nationalismen theorien tun etwas ähnliches…

  2. 2 Online Gitarrero 13. Mai 2009 um 16:30 Uhr

    Ich finde diese ganze Pandemie-Gerede echt nervig. Anstatt vernünftig zu informeiren, übertreffen sich alle mit Panik-Schlagzeilen. Das ist echt nervig.

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