Das Filmtheater Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin hat sich in der Berliner Kulturlandschaft einen Namen als unabhängiges, offenes, politisches Kino gemacht. Es ist Berlins einziges kommunales, gefördertes Kino, das wenig gezeigten Filmen einen Raum bieten soll. Mit den eigenen Mitarbeiter_innen geht die sich selbst als Alternativkultur verklärte Geschäftsführung aber nicht gerade zimperlich um. Viel mehr wird der Prekarisierung zynisch und aggressiv Vorschub geleistet.

Die corporate identy des Babylon meint das Kino zu einem Filmkunsthaus verwandeln zu müßen. Das einzig übriggebliebene, kommunale Kino von Berlin wurde um die Jahrhundertwende mit Mitteln der Stadt Berlin und spendabler Sponsoren aufwendig rekonstruiert. Die Neueröffnung im Jahr 2001 wurde ein großer Erfolg. Die bürgerliche Mitte strahlte von innen und außen. Das sogenannte alternative Filmkunsthaus konnte mit Stummfilmorgel, Designausstattung sowie mit billigen, weil idealistischen und ambitionierten Arbeitskräften aufwarten.

Der Betreiber des Filmkunsthauses war nach der Sanierung der Verein Berliner Filmkunst Babylon, der seit 1990 existierte. Nachdem es im Jahr 2004 erstmals zu Querelen um das neueröffnete Filmkunsthaus kam, die aus einem erhöhten Kommerzialisierungsdruck gründete, mußte der Verein im Jahr 2005 aufgelöst und durch eine GmbH – die Neue Babylon Berlin GmbH – ersetzt werden. Der Sparfuchs Thomas Flierl wollte dem Kino die unzureichenden Subventionen abnehmen und sie einem kommerziellen Betreiber überlassen.

Damit hat der Verein und die nun mehr kulturelitären Betreiber_innen des Filmkunsthauses sich der Privatisierung und Kommerzialisierung gebeugt und führten sich seitdem auch dementsprechend auf. Neben der Prekarisierung der Belegschaft und der Mißachtung der grundlegenden Rechte ihrer Mitarbeiter_innen arbeiteten die Neukapitalist_innen weiter daran ihr Haus als Ort der alternativen Kinokultur zu etablieren. Dies bedeutete vermeintlich linken, kritischen Veranstaltungen einen Raum zu bieten, aber auf der anderen Seite sich immer weiter in die kommerzielle Kinokultur Berlins einzuschalten. Die Einbeziehung des Babylon in die Spielorte der Berlinale war in diesem Segment der Ritterschlag, der aber auch den Verlust der Nische bedeutete.

Diese geradlinige Entwicklung in die kommerzielle, bürgerliche Mitte der Filmkunst ging mit einem massiven Abbau von Arbeitnehmer_innen Rechten im Babylon einher. Ein erster Höhepunkt war die Entlassung von Jason Kirkpatrick, die sich nachträglich als unrechtmäßig herausstellte. Er hatte sich erdreistet in einem Offenen Brief an die Geschäftsführung eine unterlassene Vertragsverlängerung zu kritisieren und Vorschläge zur Verbesserung des Betriebsklimas zu machen.

Dieses Verhalten der neuen kommerziellen Betreiber_innen gegenüber ihrer Belegschaft scheint aber kein Einzelfall zu sein, wie aus einer Presseerklärung der anarchosyndikalistischen Freien Arbeiter Union (FAU) vom Juli 2008 hervorgeht. Jason erklärte darin:


Ich habe von früheren Fällen erfahren, in denen Mitarbeiter_innen ohne vorherige Abmahnung und ohne Angabe eines Grundes einfach nicht mehr im Schichtsystem eingeteilt wurden, was in der Auswirkung für die Beschäftigten einer fristlosen Kündigung gleichkommt. Als ich die Geschäftsführung fragte, warum ich während meiner Beschäftigung nie Feedback erhalten habe oder eine Abmahnung bekam, bevor ch die unbefristete Kündigung erhielt, antwortete er, dass es einfacher sei Beschäftigten zu kündigen als mit ihnen über ihre Arbeitsweise zu sprechen.

Noch perfider ist aber die Praxis, daß die offenbar zu entlassenden Mitarbeiter_innen ihre Nachfolger einarbeiten müssen.


Es nervt mich, dass die Menschen in dem Kino angelernt werden ohne dafür einen Cent zu bekommen. So kann die GmbH immer zum Nulltarif jeden der alten Mitarbeiter_innen ersetzen und der Neue weiß noch nicht einmal, dass er wahrscheinlich den Kolleg_innen, der ihn gerade anlernt, ersetzen wird.

Aufgrund dieser unerträglichen Situation im Babylon haben sich die Beschäftigten dazu entschieden im November letzten Jahres einen Betriebsrat zu wählen. Wie im Deutschen Technikmuseum Berlin (DTMB) und seiner dazugehörigen ausgelagerten T&M GmbH, in der sämtliche studentischen Mitarbeiter_innen angestellt sind, gerieten die gewählten Betriebsratsmitglieder schnell ins Visier der Geschäftsleitung. Das Image als Ort der Alternativkultur ließ sie zwar die Wahl einer Arbeitnehmer_innen-Vertretung im Babylon nach außen begrüßen, nach innen jedoch änderte sich an der unerträglichen Arbeitssituation nichts. Viel mehr wurde der Druck auf die Beschäftigten weiter erhöht. Der Betriebsrat wurde in die Kellerräume des Kinos verbannt. Des Weiteren wurde ein Arbeitsvertrag eines Betriebsratsmigliedes nicht verlängert.

Der Betriebrats ging nun mit einer Presseerklärung an die Öffentlichkeit um auf die Situation der Beschäftigten des Filmtheaters Babylon aufmerksam zu machen. Hinter den eskalierenden Repressionen gegenüber kritischen und engagierten Mitarbeiter_innen vermutet der Betriebsrat eine Einschüchterungstaktik der Geschäftsleitung, um die offensive Einforderung der Beschäftigtenrechte zu unterbinden.

Wieder ist es eine öffentlich geförderte Institution, die durch eine aggressive, ignorante Politik gegenüber ihren Beschäftigten auffällt. Im Jahr 2007 war es das Deutsche Technikmuseum Berlin (DTMB), das versuchte seine Besucherbetreuung loszuwerden und durch Leiharbeiter_innen von Securitas ersetzen zu lassen. Damals konnte durch breiten Protest das Bestehen gerettet werden, doch die Situation hat sich bis heute nicht normalisiert.

Im Babylon, dem einzigen kommunalen Kino Berlins, ist ganz besonders unerträglich, daß die Beschäftigten sich mit einem Stundenlohn von 5,50 Euro begnügen müssen. Eine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und Urlaubsgeld gibt es ebenfalls nicht. Auch im DTMB arbeiten die Besucherbetreuer_innen für lediglich 6 Euro / Stunde, obwohl ihnen laut Aussage von Andrè Schmitz – dem Staatssekretär für Kulturelle Angelegenheiten beim Berliner Senat – 7,80 Euro zustehen.

Das Verhalten der Geschäftsleitung des Filmtheaters Babylon, aber auch der T&M GmbH, ist und bleibt unerträglich! Es ist uns schleierhaft, warum gerade in öffentlich geförderten Institutionen, in kommunalen Kulturdenkmälern die Rechte der Beschäftigten mit Füßen getreten werden. Es ist ekelhaft mit welcher Ignoranz und mit welchem Zynismus die Existenz engagierter Mitarbeiter_innen in einer Nische für marginalisierte Filmkunst gefährdet wird. Es ist zum Kotzen, wie sogenannten Kulturschaffende ihre Kunst auf der Zerstörung der Lebensgrundlage ihrer Belegschaft sowie auf der Traumatisierung solidarischer Mitarbeiter_innen gründet. Dieser Zustand muß geändert werden!

Wir als Gruppe Analyse, Kritik & Aktion unterstützen die Beschäftigten in ihrem Kampf um die Einhaltung rechtlicher und menschlicher Mindeststandards im Filmtheater Babylon! Wir werden den Kampf gegen die Prekarisierung der Beschäftigungsverhältnisse und die Marginalisierung ihrer Rechte mit unseren Mitteln tatkräftig unterstützen! Wir rufen alle Institutionen, Initiativen, Parteien und Organisationen dazu auf, ihre Zusammenarbeit mit dem Babylon zu überdenken und die Situation der Beschäftigten zu thematisieren!